„Dem Innenministerium (NKWD) wird empfohlen, die Angelegenheit der polnischen Offiziere auf besondere Weise zu behandeln und auf sie die Höchststrafe anzuwenden – Erschießen“, hieß es in dem Beschluß der sowjetischen Parteiführung zum Schicksal von 21 000 polnischen Kriegsgefangenen, datiert vom 5. März 1940 und als „Streng geheim“ eingestuft.
Vom 3. April bis Mitte Mai 1940 ermordeten NKWD-Truppen die polnischen Offiziere, aber auch Beamte, Juristen, Ärzte, Professoren, Geistliche und andere Mitglieder der Elite des Nachbarlandes. Sie alle waren nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Ostpolen im September 1939 gefangen worden. 4 421 Polen wurden in dem Ort Katyn bei Smolensk mit Genickschüssen hingerichtet. Außerdem starben Tausende Polen in Mednoje bei Twer und bei Charkow in der Ukraine. Doch vor allem Katyn wurde zum Symbol für den sowjetischen Massenmord an den Polen.
Jahrzehntelang leugnete die Sowjetunion die Hinrichtungen und schob der deutschen Wehrmacht die Schuld zu. Auch die Gedenkstätte in Katyn war auf diese Lüge ausgerichtet. Das kommunistische Polen teilte – wie die DDR – diese Sicht. Erst als in der Periode der Glasnost unter Michail Gorbatschow die Verbrechen der Kommunistischen Partei unter Stalin aufgedeckt wurden, gab Moskau 1990 auch den Mord von Katyn zu. Doch Gorbatschow leugnete, die Schlüsseldokumente zu kennen. Erst der neue russische Präsident Boris Jelzin übergab 1992 den Politbüro-Beschluß an Polen. Die Akte wurde 1992 zur Waffe im Grabenkampf zwischen dem alten und dem neuen Kreml-Herrscher. Gorbatschow erklärte, die Mappe erst bei seiner Abschied aus dem Kreml 1991 studiert zu haben.
Dagegen ließ Jelzin erklären, sein Vorgänger habe die Weltöffentlichkeit getäuscht, er habe das Dokument gekannt und die Wahrheit über Katyn gewußt. Er unterstellte, dies sei ein Grund, warum Gorbatschow nicht als Zeuge in einem Prozeß gegen die Kommunistische Partei 1992 aussagen wollte. Zwar ist die Aufklärung der finstersten Seiten der sowjetischen Geschichte Gorbatschows Verdienst, doch Jelzin bewies immer wieder das bessere Gespür dafür, die historische Schuld der Sowjetunion gegenüber den Nachbarvölkern mit symbolischen Gesten anzuerkennen. Er übergab nicht nur die Katyn-Dokumente an Polen, sondern auch Unterlagen über die angebliche Bitte der tschechoslowakischen KP um Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 an Vaclav Havel. Südkorea schenkte er den Flugschreiber des 1983 von sowjetischen Kampfflugzeugen abgeschossenen Jumbo-Jets. Auf eine Geste der umfassenden Wiedergutmachung wartet Polen bislang allerdings vergeblich.
Bildunterschrift: Bei Besuchen der Gedenkstätte in Katyn trugen die polnischen Angehörigen demonstrative Zeichen, die auf das tatsächliche Jahr der Ermordung hinwiesen und damit auf die Täter.
Foto: dpa
FRIEDEMANN KOHLER
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Quelle:
Mitteldeutsche Zeitung vom 01.04.2000
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Weiterführende Quelle:
Bundeszentrale für politische Bildung: Der Mord von Katyn (2025)
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