Weites Wald- und Wiesenland, 25 Quadratkilometer groß. Seit den 30er Jahren streng bewacht und hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt: Hier hatte die Rüstungsindustrie der Nationalsozialisten einen ihrer Standorte, dessen Name noch immer einem Mythos gleicht: Peenemünde.
Das weitläufige Areal auf der Insel Usedom ist heute ein verlassener Landstrich, der von löchrigen Plattenwegen durchzogen ist. Hier und da türmen sich die Betonhaufen gesprengter Produktionsstätten auf, in denen neuartige Waffensysteme entwickelt und getestet wurden. Längst von einer Flora überwuchert, die sich ungestört in den letzten fünf Jahrzehnten entwickeln konnte, als die Armee der DDR das Territorium nutzte und jeden weiteren Zugang verhinderte, gleichen die stummen, steinernen Zeugen grünen Hünengräbern des 20. Jahrhunderts.
Wer hierher kommt, ist auf Spurensuche – und wird fündig: In der bunkersicheren Schaltanlage des Peenemünder Kraftwerkes, das zwischen 1939 und 1942 mit Hilfe von Zwangsarbeitern erbaut wurde und heute als das größte technische Denkmal Mecklenburg-Vorpommerns gilt, hat sich eine Dauerausstellung etabliert.
„Peenemünde lebt heute von seinem Mythos.“
DIRK ZACHE
MUSEUMSLEITER
Ihr Ziel: die Geschichte der unheilvollen Waffenproduktion öffentlich zu machen. Mit Dokumenten, Waffenteilen, Fotografien, Videos und Modellen gibt die Schau einen Einblick in die „Heeresversuchsanstalt“, in der die Entwicklung und der Bau der Flugbombe Fi 103 und der ersten Großrakete A 4 betrieben wurden. Waffen, die von den Nazis propagandistisch zu „Wunderwaffen“ V 1 und V 2 für den angeblich nahen Endsieg aufgewertet wurden.
Dass die Rakete V 1 als Vorläuferin aller Trägerraketen gilt und mit ihr auch die Basis für die spätere Raumfahrt geschaffen wurde, macht Peenemünde auch zu einem „Geburtsort der Raumfahrt“, sagt Dirk Zache, der seit 1996 das Museum im Kraftwerk leitet. Aber er verweist darauf, dass nicht der Mond, sondern London das Ziel der in Peenemünde gebauten Raketen gewesen sei.
Von 1936 bis 1943 wurden in der Usedomer Wald- und Wiesenlandschaft etwa 70 Großbauten errichtet, dazu eine Wohnsiedlung für die Wissenschaftler, ein eigenes Wasser- und Kraftwerk sowie eine elektrisch betriebene Werkbahn. Ferner Lagerbauten als Massenunterkünfte für Soldaten, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Der magisch-mysteriöse Ort, der bis zur Wende von 4 000 NVA-Soldaten bevölkert wurde und heute mit 600 Einwohnern nur noch ein Schattendasein fristet, hat sich inzwischen zu einem Besuchermagneten entwickelt. Allein im letzten Jahr pilgerten 300 000 Schaulustige an die unwirtliche Stätte der verhängnisvollen Allianz zwischen Wissenschaft und Militär.
Was an Sachzeugnissen besichtigt werden kann, die durch Flugzeuge, Hubschrauber und ein Raketenschiff aus den Hinterlassenschaften der Nationalen Volksarmee ergänzt werden, ist – gemessen an der einstigen Bebauung – nur noch ein Trümmerfeld. Trotzdem hat die riesige Militärbrache mit noch im Boden lagernder Munition von alliierten Luftangriffen, mit Resten von Wasserzisternen, Unterführungen und stillgelegten Bahngleisen ihre Authentizität und die Aura geheimer Waffenentwicklungen bewahrt. Und was durch die Bombenangriffe nicht zerstört wurde, fiel schließlich ab 1946 dem Beschluss der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges zum Opfer, alle Einrichtungen der deutschen Rüstungsindustrie zu vernichten.
Obwohl von den gigantischen Anlagen – außer der Kraftwerksruine – nichts geblieben ist, leben die Mythen um die einst dort tätigen Wissenschaftler und ihre Erfindungen weiter. Wernher von Braun und General Walter Dornberger waren die führenden Köpfe bei der Entwicklung einer Fernrakete, die 750 Kilogramm Sprengstoff über eine Distanz von 250 Kilometern transportieren sollte. Im Oktober 1942 gelang erstmals ein Startversuch mit einer A 4. Mit Überschallgeschwindigkeit erreichte sie in einer Höhe von 84,5 Kilometern die Grenze der Erdatmosphäre und schlug 190 Kilometer entfernt in der Ostsee ein.
Dieser Erfolg sollte die Raketen-Serienproduktion einleiten, für die KZ-Häftlinge angefordert wurden. Aber mit dem ersten Luftangriff der Royal Air Force auf Peenemünde im August 1943, bei dem etwa 750 Menschen ums Leben kamen, darunter vermutlich 500 ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, wurde die Produktion gestoppt und nach Nordhausen verlagert. Häftlinge aus dem KZ Buchenwald mussten dafür die unterirdischen Stollen des Außenlagers Mittelbau-Dora ausbauen, in denen ab Januar 1944 die Raketenproduktion begann. Bei der Errichtung der Anlagen sowie bei der Produktion starben bis zum Kriegsende über 20 000 Häftlinge.
Peenemünde bleibt ein Ort nationalsozialistischer Täter, auch wenn nach dem Krieg an der Legende gestrickt wurde, dass hier vor allem unpolitische und gegen die Nazis eingestellte Wissenschaftler tätig gewesen seien, die den Weg ins All gesucht und weniger den Bau von Waffen im Blick gehabt hätten. Doch die hier entwickelte Großrakete A 4 war eben nicht nur der Vorläufer für die Raumfahrt, sondern die Ausgangsbasis für alle danach eingesetzten militärischen Raketen. Diese Ambivalenz macht Peenemünde zu einem der problematischsten Orte deutscher Geschichte.
„Peenemünde“, sagt Museumsleiter Dirk Zache, „lebt heute von seinem Mythos.“ Die Mauerreste und Ruinen sowie die überwucherten Gräben und Wälle in den Küstenwäldern bilden dazu eine gespenstische Kulisse und erinnern an eine der spektakulärsten und gefährlichsten technischen Erfindungen des 20. Jahrhunderts.
Fred Reinke
ZAHLEN UND FAKTEN
High Tech-Zentrum für neuartige Waffensysteme
Im August 1936 begannen die Bauarbeiten für die Peenemünder Versuchsanstalten. Neben dem Entwicklungswerk, auch „Werk Ost“ genannt, in dem Wernher von Braun und seine Mitarbeiter Raketen konstruierten, wurde eine Erprobungsstelle der Luftwaffe (auch „Werk West“) errichtet. Auf diesem Flugfeld und Experimentiergelände wurden Neuentwicklungen der Flugzeug- und Rüstungsindustrie getestet. Zu den Anlagen gehörten ferner ein Netz von Messstationen zur Beobachtung von Geräten im Flug, Bahnanlagen für den Güterverkehr sowie der Nordhafen.
Zur Produktion der für die Raketen benötigten Mengen an flüssigem Sauerstoff wurde ein Sauerstoffwerk errichtet. Nach Fertigstellung aller Bauten waren in Peenemünde bis zu 15 000 Menschen beschäftigt. Untergebracht waren sie und die nach Kriegsbeginn vom Heer abkommandierten Techniker und Ingenieure in einem Barackenlager.
Die von Albert Speer betriebene Planung sah eine Stadt für 16 000 Einwohner vor, die für das künftige Personal der Rüstungsfabriken gedacht war. Das gesamte nördliche Drittel der Insel Usedom wurde zur Sperrzone erklärt.
Bildunterschrif 1: Eine V1-Rakete vor dem Kraftwerksgebäude in Peenemünde mit dem Technisch-Historischen Informationszentrum
Bildunterschrift 2: Jahrzehntelang war Peenemünde im Nordosten der Insel Usedom von der Außenwelt abgeriegelt. Seit der Wende kann das Areal besichtigt werden, auf die Nazis im Krieg ihre „Vergeltungswaffen“ entwickelten.
—
Quelle:
Mitteldeutsche Zeitung vom 22.07.2000
Primärquelle:
Zeitungsausschnitt – vollständige Ansicht (Originalgröße)
Weiterführende Quelle:
Historisch-Technisches Museum Peenemünde
Navigation:
→ zurück zu Krieg & Flucht
Neueste Kommentare