Treffen mit früheren Kollegen – Versöhnliche Töne trotz DDR-Hilfe für Terroristen – „Nie DDR-Spione im Heiligen Land“

Tel Aviv/dpa. Bei seinem ersten und offenbar lang ersehnten Besuch in Israel hat sich der Ex-Chef der Stasi-Auslandsaufklärung, Markus Wolf, mit israelischen Berufskollegen aus alten Zeiten getroffen, die ihm höchstes Lob aussprachen. Der ehemalige Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, Jaacov Peri, sagte: „Markus, Dein Name war für uns wie aus einer anderen Welt. Du bist eine Legende.“ Die israelische Zeitung „Maariv“, die die Reise Wolfs nach Israel arrangierte und ihm gestern eine fünfseitige Geschichte widmete, zitierte antwortend: Tief seufzend habe Wolf eingeräumt: „Glaub mir, es ist manchmal schwer, eine lebende Legende zu sein.“

„Mischa“ Wolf verriet den israelischen Lesern, er habe den umfangreichen Gerichtsverfahren gegen ihn in Deutschland zeitweise durch die Übersiedlung nach Israel entgehen wollen. Allerdings habe Israel seine Bitte um politisches Asyl vor seiner Rückkehr nach Deutschland im Herbst 1991 abgelehnt, weil dies „nicht der richtige Zeitpunkt“ sei. Dabei, so Wolf, verbinde ihn viel mit dem Staat der Juden.

„Ich habe mich immer als Deutscher gesehen, aber das Judentum war immer im Hintergrund da. Die Eltern meines Vaters wollten, daß er Rabbiner wird, aber er zog es vor, Medizin zu studieren. Mein Vater, Friedrich Wolf, saß am Kopfende des Tisches und sagte: Wir stammen von den Makkabäern ab.“ Wolfs Frau Andrea verriet der Zeitung: „Als wir nach dem Fall der Mauer aus Deutschland flohen und kein Land uns aufnehmen wollte, sprach Markus von sich als dem ‚Ewigen Juden‘.“

Wolf und seine Frau sahen sich gemeinsam in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem; dort lagernde Dokumente über die Familie Wolf an. Die Familie des späteren Stasi-Vize mußte 1933 vor den Nazis fliehen und emigrierte zunächst nach Paris, später nach Moskau. Sein Onkel mütterlicherseits sei ein strenggläubiger Jude gewesen, sagte Wolf dem Blatt. Er sei später im KZ Mauthausen ermordet worden.

In Israel ist Wolf nach wie vor sehr bekannt. Die lokale Presse hatte seit Jahren reges Interesse an Wolf und den Aktivitäten der DDR-Spionage in Israel gezeigt. Bei der grundsätzlich anti-israelischen Einstellung der früheren DDR-Spitze und ihren pro-palästinensischen Aktivitäten wollte man in Israel nach 1990 erfahren, inwieweit die Stasi gegen Israel aktiv war.

Wolf: „Wir haben nie direkt gegen Israel agiert. Wir hatten nie einen Agenten in Israel. Unser Hauptziel war Westdeutschland, damit waren wir voll mit Arbeit eingedeckt.“ Sein Ex-Kollege Peri erinnerte daran, daß in den 70er und 80er Jahren palästinensische Extremisten in DDR-Trainingslagern zum Kampf gegen Israel ausgebildet wurden, darunter auch von Wolfs Organisation. Dennoch überwog bei den Kontakten die Versöhnlichkeit der Ex-Profis: „Obwohl wir auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs standen, haben wir dich nie als Feind angesehen, sondern eher als Kollegen“, sagte Peri.

Wolf traf sich auch mit dem israelischen Ex-Premier Jitzchak Schamir. Das Treffen fand unter vier Augen statt, „Mischa“ Wolf wollte darüber selbst dem Blatt „Maariv“ nichts erzählen.

Eine möglicherweise schmerzliche Erkenntnis muß Wolf dennoch mitnehmen, wenn er in den nächsten Tagen Israel wieder verläßt. „Wäre Dein Vater Zionist gewesen und 1933 nach Palästina ausgewandert statt nach Moskau, wärst Du vielleicht eines Tages der Mossad-Chef geworden“, spekulierte der ehemalige Chef des israelischen „Aman“-Militärnachrichtendienstes, Schlomo Gazit, im Gespräch.

Die Ex-Kollegen teilten Komplimente aus. Wolf: „Man fragt mich immer, welcher Geheimdienst der beste der Welt ist. Ich sage dann immer, von den Briten und den Israelis haben wir nie etwas gehört, deshalb sind die meiner Ansicht nach wohl die besten.“ Markus Wolf darf erst seit Oktober 1995 wieder Auslandsreisen unternehmen, nachdem der Bundesgerichtshof die im Dezember 1993 gegen ihn verhängte sechsjährige Haftstrafe aufgehoben hat. Allerdings verwies der BGH das Verfahren gegen Wolf an das Oberlandesgericht Düsseldorf zur Neuverhandlung zurück. Inzwischen hat die Bundesanwaltschaft neue Beschuldigungen gegen Wolf erhoben. Mit der Neuverhandlung des Falles Wolf wird noch in diesem Jahr gerechnet.

Quelle:
Mitteldeutsche Zeitung vom 05.04.1996

Primärquelle:
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Weiterführende Quelle:
Markus Wolf bei Wikipedia

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