Das Heft 1/2024 der → Computergenealogie widmet sich schwerpunktmäßig dem Einsatz künstlicher Intelligenz in der genealogischen Forschung. Daneben greift es mit dem Jubiläum der Zivilstandsregister auch klassische Themen der Quellenarbeit auf. Im Folgenden greife ich zwei Aspekte heraus, die mir besonders aufgefallen sind.
1. Künstliche Intelligenz in der Familienforschung – Werkzeug und nicht Ersatz
Künstliche Intelligenz ist keineswegs eine Erfindung der letzten Jahre. Bereits 1966 entwickelte → Joseph Weizenbaum mit ELIZA einen der ersten Chatbots. Dass KI heute als „neu“ und teilweise bedrohlich wahrgenommen wird, liegt weniger an ihrem Alter als an ihrer zunehmenden Alltagstauglichkeit.
Gerade unter Genealogen taucht dabei immer wieder die Sorge auf, ob die eigene Arbeit künftig überflüssig wird: Muss ich mir ein neues Hobby suchen, wenn KI jetzt alles selbst macht?
Die klare Antwort lautet: nein.
Genealogische Forschung lebt nicht vom massenhaften Verknüpfen möglichst vieler Personen zu einem globalen „Weltbaum“. Solche umfassenden Stammbäume mögen technisch beeindruckend sein, sind für den typischen Familienforscher jedoch meist wenig hilfreich. Entscheidend bleiben Kontext, Plausibilität und quellenkritische Einordnung – Aufgaben, die auch künftig menschliches Urteilsvermögen erfordern.
Gerade hier liegt eine der größten Stärken von KI: Zeitersparnis. Routinetätigkeiten lassen sich beschleunigen, sodass mehr Raum für Qualitätssicherung entsteht. Die gewonnene Zeit kann gezielt genutzt werden, um Daten zu überprüfen, zu verdichten und durch Sekundärquellen abzusichern. KI ersetzt damit nicht die genealogische Arbeit, sondern verschiebt den Schwerpunkt hin zu anspruchsvolleren Fragestellungen.
Hinzu kommt ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt: Durch den Einsatz von KI lassen sich Quellen erschließen, die sonst kaum oder nur mit großem Aufwand zugänglich wären. Die Transkription handschriftlicher Texte – auch in lateinischer Sprache – eröffnet neue Zugänge zu archivalischen Beständen und vertieft das Verständnis genealogischer Zusammenhänge. Die Arbeit mit solchen Texten bleibt anspruchsvoll, wird aber durch technische Unterstützung überhaupt erst praktikabel.
Besonders sinnvoll zeigt sich der KI-Einsatz auch bei der Erfassung strukturierter Informationen: etwa bei Grabsteininschriften oder bei der Auswertung gedruckter Quellen wie Vereins- oder Heimatzeitschriften mit Geburtstagsglückwünschen. Eigene Erfahrungen zeigen, dass solche Tätigkeiten zwar mühsam, aber inhaltlich wertvoll sind – und durch KI deutlich effizienter erledigt werden können, ohne dass die Kontrolle aus der Hand gegeben wird.
Künstliche Intelligenz ist damit kein Ersatz für genealogische Forschung, sondern ein Werkzeug. Richtig eingesetzt, stärkt sie genau das, was gute Familienforschung ausmacht: Genauigkeit, Kontextwissen und ein bewusster Umgang mit Quellen.
2. 150 Jahre Zivilstandsregister – eine zentrale Quelle mit klaren Grenzen
Mit dem Personenstandsgesetz von 1874 wurde in Preußen die staatliche Erfassung von Geburten, Eheschließungen und Sterbefällen eingeführt. Seitdem bilden die Zivilstandsregister eine zentrale Grundlage genealogischer Forschung. Kirchliche Trauungen durften lange Zeit erst nach der bürgerlichen Eheschließung stattfinden – ein Umstand, der die Bedeutung der staatlichen Register zusätzlich unterstreicht.
Für die praktische Forschung besonders relevant sind die Schutzfristen, die den Zugang zu den Registern regeln. Nach deren Ablauf werden die Personenstandsregister in der Regel an die zuständigen Archive abgegeben und stehen dort für die Forschung zur Verfügung. Aktuell gelten folgende Fristen:
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Geburtenregister: 110 Jahre
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Heiratsregister: 80 Jahre
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Sterberegister: 30 Jahre
Diese zeitlichen Grenzen strukturieren genealogische Arbeit ganz wesentlich. Sie bestimmen, welche Quellen bereits frei zugänglich sind und wo ergänzend auf andere Überlieferungen ausgewichen werden muss.
Für Kirchenbücher gelten hiervon abweichende Regelungen, die sich je nach Konfession und Archivpraxis unterscheiden. Eine übersichtliche Zusammenstellung der → geltenden Schutzfristen findet sich im GenWiki.
Der Beitrag macht deutlich, dass genealogische Forschung stets im Spannungsfeld von rechtlichen Vorgaben, archivischer Überlieferung und methodischem Vorgehen stattfindet – unabhängig davon, ob mit traditionellen oder digitalen Werkzeugen gearbeitet wird.
Das Heft zeigt eindrucksvoll, dass genealogische Forschung heute zwischen technischer Innovation und historischer Quellenarbeit angesiedelt ist – und beides einander nicht ausschließt.
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