Das Heft 1/2023 der → Computergenealogie widmet sich unter dem Titel „Leben und Tod unserer Ahnen“ einem Themenfeld, das in der Familienforschung allgegenwärtig ist, aber selten zusammenhängend betrachtet wird. Im Folgenden gehe ich näher auf die Beerdigungskultur und auf gedruckte Werke als genealogische Quellen ein.

1. Beerdigungskultur im Wandel der Zeit

Was uns heute selbstverständlich erscheint – dass jede Verstorbene und jeder Verstorbene ein eigenes Grab erhält, individuell gekennzeichnet und dauerhaft gepflegt – ist historisch gesehen eine vergleichsweise junge Entwicklung. Noch im 17. Jahrhundert war der Umgang mit den Toten deutlich enger mit dem Alltag der Lebenden verwoben und zugleich stark von sozialen, religiösen und rechtlichen Unterschieden geprägt.

Wer es sich leisten konnte, wurde innerhalb der Kirche oder zumindest in unmittelbarer Nähe bestattet. Der Kirchhof war kein stiller Ort der Absonderung, sondern ein zentraler sozialer Raum: Hier fanden Märkte statt, Versammlungen wurden abgehalten, und das tägliche Leben spielte sich buchstäblich zwischen den Gräbern ab. Die Toten waren den Lebenden räumlich und symbolisch sehr nahe. Arme Menschen hingegen erhielten häufig kein individuelles Grab. Sie wurden gemeinsam in Gruben bestattet – oder, nüchterner formuliert, „vergraben“ –, ohne dauerhafte Kennzeichnung und oft ohne liturgischen Aufwand.

Besonders deutlich zeigen sich gesellschaftliche Grenzziehungen bei denjenigen, die bewusst vom Kirchhof ausgeschlossen wurden. Dazu zählten unter anderem Selbstmörder, Hingerichtete, Andersgläubige, Ehebrecher oder Angehörige sogenannter unehrlicher Berufe wie Abdecker oder Henker. Ihre Bestattung erfolgte außerhalb des geweihten Bodens, oft an abgelegenen Orten, und markierte auch über den Tod hinaus ihren Ausschluss aus der Gemeinschaft.

Diese Praxis verschwand keineswegs abrupt mit dem Beginn der Neuzeit. Zwar änderten sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte rechtliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Normen, doch blieben Ausgrenzungen teilweise erstaunlich lange bestehen. Selbst im 20. Jahrhundert erhielten Selbstmörder häufig keine würdige Beerdigung; ihre Gräber lagen nicht selten vor oder unmittelbar an der Friedhofsmauer – sichtbar getrennt vom übrigen Gräberfeld. Der Fortschritt vollzog sich schrittweise, regional unterschiedlich und keineswegs widerspruchsfrei.

Friedhöfe sind damit seit jeher Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes. Sie spiegeln soziale Strukturen, religiöse Vorstellungen, demografische Entwicklungen und regionale Besonderheiten wider. Grabmale, ihre Gestaltung, ihre Lage und ihre Inschriften erzählen viel über die Gesellschaft, aus der sie hervorgegangen sind – oft mehr, als es schriftliche Quellen allein vermögen.

Einen wichtigen Beitrag zur Dokumentation dieses kulturellen Wandels leistet das → Grabsteinprojekt unter der Leitung des → Verein für Computergenealogie . Ziel des Projekts ist es, Grabsteine systematisch zu erfassen, zu dokumentieren und dauerhaft digital zugänglich zu machen. Die zugehörige → Übersichtskarte zeigt anschaulich, dass dabei längst nicht nur Friedhöfe in Deutschland berücksichtigt werden, sondern auch zahlreiche Anlagen etwa in Polen oder Italien. Auf diese Weise wird ein europaweiter Quellenbestand gesichert, der sowohl für genealogische Forschung als auch für die historische Demografie und Alltagsgeschichte von großem Wert ist.

2. Gedruckte Werke als genealogische Quellen: Leichenpredigten und frühneuzeitliche Drucke

Leichenpredigten gehören zu den eindrucksvollsten, aber zugleich selektivsten Quellen der frühneuzeitlichen Familien- und Sozialgeschichte. Sie entstanden keineswegs selbstverständlich für jede verstorbene Person, sondern waren in erster Linie jenen vorbehalten, deren Familien über die nötigen finanziellen Mittel verfügten – oder bereit waren, diese aufzubringen. Nicht selten spielten dabei auch gesellschaftliche Erwartungen eine Rolle: Der Druck einer Leichenpredigt diente der öffentlichen Wahrung von Ansehen und Reputation und konnte Familien sogar in finanzielle Schwierigkeiten bringen.

Für die genealogische Forschung sind Leichenpredigten dennoch von großem Wert. Sie enthalten häufig ausführliche Lebensbeschreibungen, Angaben zu Ehepartnern, Kindern und Herkunft sowie Hinweise auf soziale Netzwerke und Bildungswege. Gerade dort, wo Kirchenbücher lückenhaft sind oder nur knappe Einträge liefern, können sie wertvolle Ergänzungen darstellen. Zugleich ist bei ihrer Auswertung besondere Vorsicht geboten. Leichenpredigten sind keine neutralen Berichte, sondern Auftragsarbeiten. Es kam durchaus vor, dass Pfarrer genealogische Zusammenhänge wohlwollend ausdehnten oder Stammbäume „veredelten“ – nicht aus Täuschungsabsicht, sondern im Rahmen zeitgenössischer Erwartungshaltungen. Eine Gegenprüfung mit Kirchenbüchern und weiteren Quellen ist daher unerlässlich.

Einen zentralen Zugang zu dieser Quellengattung bietet der → Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA), der inzwischen mehr als 230.000 Leichenpredigten aus dem deutschsprachigen Raum nachweist. Der Umfang dieses Bestandes verdeutlicht nicht nur die große Bedeutung der Leichenpredigt als frühneuzeitliches Medium, sondern auch ihre soziale Begrenztheit: Sichtbar wird vor allem jener Teil der Gesellschaft, der über ausreichende Ressourcen verfügte, um sich auch über den Tod hinaus schriftlich darstellen zu lassen.

Leichenpredigten stehen jedoch nicht isoliert, sondern sind Teil einer umfassenderen frühneuzeitlichen Druckkultur. Viele dieser Drucke finden sich heute auch in den großen retrospektiven Nationalbibliografien, die den Buchbestand vor der Gründung der Deutschen Nationalbibliothek im Jahr 1913 erschließen. Dazu zählen das VD16 für die Jahre 1501–1600, das VD17 für die Jahre 1601–1700 sowie das VD18 (1701–1800). Diese Verzeichnisse erfassen nicht nur Leichenpredigten, sondern auch theologische, juristische und gelehrte Schriften, Gelegenheitstexte und andere Druckwerke, die im Umfeld einzelner Personen entstanden sind.

Wie fruchtbar dieser Zugang für die regionale und genealogische Forschung sein kann, zeigt das Beispiel des Theologen Kilian Hortich, dessen im 17. Jahrhundert erschienene Drucke im VD17 bibliografisch nachgewiesen sind. Sie lassen sich damit eindeutig in den zeitgenössischen Druck- und Wirkungskontext einordnen und eröffnen einen zusätzlichen Zugang zu seinem theologischen und publizistischen Wirken.

 

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