Gastbeitrag von Per Ivar Larsen Sugar

Dies ist die Geschichte zweier Brüder, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Genthin auswanderten und einer kleinen norwegischen Stadt ihren Stempel aufdrückten. Über vierzig Jahre lang leitete Gottlieb Güssow die Feier des norwegischen Nationaltags – ein deutscher Handwerker wurde zum Symbol des größten norwegischen Volksfestes. In einer Zeit, die von Nationsbildung und einem starken Bewusstsein für Zugehörigkeit geprägt war, wurden zwei deutsche Einwanderer Teil des Herzens einer norwegischen Grenzstadt. Gleichzeitig blieben die Türen für andere verschlossen. Dies ist auch eine Geschichte über die Grenzen der Inklusion.

Fredrik Wilhelm Gottlieb Güssow

Im Jahr 1858 kam der deutsche Handwerker Gottlieb Güssow nach Fredrikshald (heute Halden). Einige Jahre später folgte sein jüngerer Bruder Ernst Güssow in die Stadt. Die Brüder wurden als „Güssow der Ältere“ und „Güssow der Jüngere“ bezeichnet. Sie stammten aus bescheidenen Verhältnissen. Ihr Vater war „Schiffknecht“ und „Nachtwächter“ in Genthin – Tätigkeiten, die von Zuverlässigkeit und Verantwortung zeugen, jedoch kaum von wirtschaftlichem Wohlstand. Wir wissen nicht, warum der jüngere Bruder nach Fredrikshald kam. Güssow der Ältere hatte vor seinem zehnten Lebensjahr drei kleine Geschwister verloren. Vielleicht entwickelte sich ein besonders enges Verhältnis zwischen den Brüdern? Vielleicht lockte die Aussicht auf eine Lehrstelle und bessere Zukunftsperspektiven?

Die Auswanderung aus Deutschland dauerte über Jahrhunderte an. Viele suchten ein besseres Leben, weil die Möglichkeiten in der Heimat begrenzt waren. In Osteuropa bildeten deutschsprachige Einwanderer oft eigene Enklaven, in denen Sprache und Kultur bewahrt wurden. In Norwegen ist die Hanse in Bergen das bekannteste Beispiel für eine solche deutsche Enklave. Es handelte sich um ein geschlossenes Handelsmilieu, das vom 14. Jahrhundert bis zu seiner Auflösung im Jahr 1764 bestand. Im 19. Jahrhundert hatte sich dies in Norwegen verändert. Die Deutschen als Einwanderergruppe waren zahlenmäßig klein und geografisch verstreut. Im Gegensatz zum geschlossenen deutschen Handelsmilieu der Hansezeit in Bergen wurden die deutschen Einwanderer des 19. Jahrhunderts in Norwegen in größerem Maße Teil der lokalen Gemeinschaften, in denen sie sich niederließen. Während andere Gruppen – wie Juden – lange Zeit von Norwegen ausgeschlossen waren, begegnete man deutschen Handwerkern mit offenen Türen.

Mitte des 19. Jahrhunderts kam es in Norwegen zu einer deutlichen Urbanisierung. Obwohl die Grenzstadt Fredrikshald eine kleine Stadt war, wuchs die Einwohnerzahl von knapp 4.000 im Jahr 1769 auf über 9.000 im Jahr 1865. Die Stadt war auf der Grundlage von Schifffahrt und Holzexport gewachsen. Im 19. Jahrhundert wurde die Nutzung der Wasserkraft zur treibenden Kraft der Industrialisierung, unter anderem durch Spinnereien und Holzverarbeitung. Dies schuf neue Arbeitsplätze, förderte das Wachstum der Stadt und eröffnete Handwerkern und Fachkräften neue Möglichkeiten. Die Stadt brauchte Menschen mit den richtigen Kenntnissen – und es fehlte an Barbieren, Friseuren und Zahnziehern.

Eine solche Berufskombination war in früheren Zeiten nicht ungewöhnlich. Barbiere kümmerten sich nicht nur um Haar und Bart, sondern führten auch medizinische und chirurgische Aufgaben aus. In Dänemark wurde bereits 1668 bestimmt, dass niemand in die Zunft der Bartscherer aufgenommen werden durfte, ohne zuvor eine Prüfung in Chirurgie an der medizinischen Fakultät abgelegt zu haben.

Wir wissen nicht genau, wo in Deutschland Gottlieb Güssow seine Ausbildung zum Barbier absolvierte, aber wir wissen, dass er in den Jahren 1855–1857 Unterricht an einer Poliklinik für „einfache chirurgische Fälle“ in Berlin erhielt. Dort wurde er in Anatomie, Physiologie und kleineren chirurgischen Eingriffen – unter anderem Zahnextraktionen – unterrichtet und nahm aktiv an praktischen Übungen teil. Darüber hinaus erhielt er praktische Ausbildung in der Zahnbehandlung bei etablierten Zahnärzten in Potsdam und Brandenburg. Er lernte auch die Herstellung von Zahnprothesen. Güssow der Ältere sah daher wohl gute Möglichkeiten, die Bevölkerung von Fredrikshald „vom Kragen aufwärts“ mit Kamm, Schere, Rasiermesser und Zahnzange zu bedienen.

Johann Friedrich Ernst Güssow

Im Jahr 1861, drei Jahre nachdem Gottlieb sich etabliert hatte, kam der 14-jährige jüngere Bruder Ernst Güssow nach Fredrikshald. Er begann seine Lehre bei seinem älteren Bruder. Als ausgelernter Geselle kehrte Güssow der Jüngere für einige Jahre nach Deutschland zurück. Vielleicht war dies seine Wanderschaft – die deutsche Tradition, nach der ausgelernte Gesellen von Stadt zu Stadt zogen, um neue Techniken zu erlernen und sich für den Meistertitel zu qualifizieren. Nach seiner Rückkehr nach Fredrikshald ging er zunächst eine Partnerschaft mit seinem Bruder ein, bevor er 1875 seinen eigenen Barbierladen eröffnete. Neben dem Barbiergeschäft betrieb er ein Zigarrengeschäft. Es wird berichtet, dass er ein sehr geschickter Barbier war und bei einem königlichen Besuch Prinz Carl von Schweden rasierte.

Beide Brüder fanden ihre Ehefrauen in Fredrikshald, und beide Ehepaare bekamen zwei Kinder. Güssow der Ältere führte seinen Barbierladen bis 1897 und starb 1910. Güssow der Jüngere betrieb seinen Salon bis 1926 und starb 1936. Heute haben sie viele Nachkommen.

Das Bemerkenswerteste an den Güssow-Brüdern ist jedoch nicht nur ihr beruflicher Erfolg, sondern auch, wie sie Teil der norwegischen Gemeinschaft wurden. Ihr Barbierladen wurde zu einem sozialen Treffpunkt, an dem sie die Stadt und ihre Bürger kennenlernten. Beide Brüder liebten den Gesang, und Güssow der Ältere war 1868 Mitbegründer des städtischen Gesangsvereins. Der Jüngere leistete seinen Militärdienst ab und wurde ein begeisterter Schütze.

Doch ein anderes Engagement sollte der Stadt besonders seinen Stempel aufdrücken. 1864 wurde Güssow der Ältere Mitglied des 17.-Mai-Komitees der Stadt. Um zu verstehen, wie außergewöhnlich es war, dass ein deutscher Einwanderer an der Spitze der Feier dieses Tages stand, muss man wissen, was dieser Tag für die Norweger bedeutet.

Dieser Tag ist Norwegens Nationalfeiertag. Am 17. Mai 1814 verabschiedete die gewählte Reichsversammlung die norwegische Verfassung. Dies war ein Versuch, nach 400 Jahren in Union mit Dänemark die Unabhängigkeit zu erlangen. Doch infolge der Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen geriet Norwegen noch im selben Jahr in eine Union mit Schweden. Diese Union dauerte bis 1905.

In den 1820er-Jahren wurde der 17. Mai als Protest gegen die schwedische Herrschaft begangen, bevor der Tag 1836 offiziell als Nationalfeiertag anerkannt wurde. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Feier zu einem Volksfest mit Kinderumzügen, Nationalhymne und Werten wie Demokratie und Gemeinschaft. Auch heute ist der 17. Mai das größte Volksfest des Landes.

In Fredrikshald vollzog sich diese Entwicklung unter der Leitung eines deutschen Einwanderers. Güssow der Ältere war über 40 Jahre hinweg, von 1864 bis 1905, ununterbrochen Mitglied des Komitees. In vielen dieser Jahre war er dessen Vorsitzender. Unter seiner Leitung wurden feste Traditionen der 17.-Mai-Feier begründet, mit Kinder- und Bürgerumzügen, Militärmusik, Turnvorführungen, Gesangsdarbietungen und Festlichkeiten.

Barber & Friseur Salon Ernst Güssow

Im selben Jahr, in dem die Union mit Schweden aufgelöst wurde, zog er sich aus dieser Tätigkeit zurück. Er erhielt ein Ehrengeschenk, und seine Nachfolger führten seine Arbeit noch viele Jahre fort.

Die Geschichte der Güssow-Brüder aus Genthin ist ein interessantes Beispiel für deutsche Einwanderung und Integration in Norwegen im 19. Jahrhundert. Sie kamen aus bescheidenen Verhältnissen in Preußen und gestalteten ihr Leben durch Handwerk, soziale Netzwerke und aktive Teilnahme am lokalen Gemeinwesen. Mit der Zeit wurden sie zu zentralen Akteuren im sozialen und kulturellen Leben der Stadt – sogar bei der Feier des wichtigsten Symbols norwegischer Selbstständigkeit.

Die Inklusion der Güssow-Brüder war jedoch nicht zufällig, sondern beruhte auf bestimmten Voraussetzungen. Sie waren Protestanten in einer lutherischen Gesellschaft, Handwerker in einer Stadt, die ihre Kompetenzen benötigte, und sie beteiligten sich aktiv an lokalen Institutionen wie Gesangsverein, Schützenverein und 17.-Mai-Komitee. Zugehörigkeit wurde somit nicht in erster Linie durch den Geburtsort definiert, sondern durch Loyalität, Nützlichkeit und kulturelle Nähe. Gerade deshalb wird der Kontrast zu Gruppen deutlich, die aus religiösen, kulturellen oder politischen Gründen als fremd wahrgenommen wurden und deutlich strengeren Grenzen der Teilhabe begegneten. Der Katholizismus war bis 1845 verboten, Juden waren bis 1851 von Norwegen ausgeschlossen, und nationale Minderheiten wie die Samen und die als ‚Tater‘ bezeichneten Angehörigen des norwegischen Romanifolks wurden mit Norwegisierungspolitik und Zwangsmaßnahmen konfrontiert.

Der Erfolg der Güssow-Brüder veranschaulicht somit nicht nur die Möglichkeiten der Integration, sondern auch die klaren Grenzen dafür, wer im 19. Jahrhundert tatsächlich in die norwegische Nationsgemeinschaft einbezogen wurde.

Zum Autor

Der Beitrag wurde von Per Ivar Larsen Sugar verfasst, der Masterstudent der Geschichte an der Universität Oslo ist. Im Rahmen eines genealogischen Forschungsauftrags stieß er auf die Geschichte der Brüder Güssow.

Ich danke ihm herzlich für die Möglichkeit, diese bemerkenswerte Geschichte hier vorstellen zu dürfen.

Literaturverzeichnis:

Ernst Güssow. (o. D.). → Frhald.no
Familiendatenbank Genthin, Johann Christian Gottlieb Güssow. (o. D.). → Johann Christian Gottlieb Güssow
Fredrik Wilhelm Gottlieb Güssow. (o. D.). → Frhald.no
Haug, E. (1950). 800 Haldenprofiler: En Samling Biografier Omfattende Haldensere etter 1900 (født før 1886)        → (800-Profile: Eine Sammlung von Biografien über Einwohner von Halden nach 1900 (geboren vor 1886) S.183, Baardsen & Co.
Køber, A. (1946). Fredrikshalds sangforening gjennem 100 år : 1846 – 16. februar – 1946 → (Fredrikshalds Gesangverein im Laufe von 100 Jahren: 1846 – 16. Februar – 1946) 
Nasjonalbiblioteket → Zeitungen in der Nationalbibliothek Norwegen. (o. D.).
Sørbye, O. (2000). Tannleger i Østfold : 1770-1940. → (Zahnärzte in Østfold: 1770–1940) S.30, O. Sørbye.

Bildnachweise:

Porträtfotos Brüder Güssow: → Frhald.no
Straßenbild mit Ernst Güssows Barbiersalon: Mittet/Nasjonalbiblioteket, Norwegen.
Beitragsbild vom 17. Mai 1993 „Historiske Haldenbilder“: Halden Arbeiderblad, Lizenz: → CC BY-NC-ND 4.0

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