Ein historischer Rückblick über mehr als 200 Jahre
Gastbeitrag von Peter Wieske
Die ersten Jahrzehnte
Nachweislich stellte der Schiffbaumeister Martin Kräuter aus Aken am 27.04.1795 an den preußischen König Friedrich Wilhelm II ein Gesuch, den ihm überlassenen Schiffbauplatz mit Bäumen zur Abwendung von Hochwasser zu bepflanzen. (Der Schiffbauplatz bestand also schon davor!)
Am 27.04. 1796 weist der König den Magistrat zur Genehmigung an mit dem Hinweis, dass „dies auf das Gewerbe und den Nahrungsstand der Stadt nützlichen Einfluss haben werde.“
Tatsächlich sollte diese Schiffbauerei dann für mehr als 200 Jahre Arbeitsplatz für bis zu
30 Schiffbauer werden!
Am 6.04.1825 übernimmt nach dem Tode von Kräuter der Schiffbaumeister Georg Placke (1782-1831) aus Breitenhagen dessen „Schiffbaustelle“ auf dem Horn :
Der Erbzinsbrief wurde mit Datum vom 10.04.1825 vom Magistrat der Stadt Aken bestätigt.
Seitdem trägt die Schiffswerft den Namen „Georg Placke“ über fünf Generationen in gleicher Familie.
Georg Placke lebte von 1782 bis 1831. Nach seinem Tode übernahm sein ältester Sohn Friedrich Placke (1809-1889) den Schiffbauplatz auf dem Horn, während sein jüngster Sohn Georg Placke (1817-1885) den Holzhandel auf dem Taterlager weiter betrieb.
Aus dieser Zeit ist noch eine Bronzeglocke mit der Aufschrift: „Friedrich Placke 1847“ im Besitz der Familie, mit der bis 1950 die Arbeitszeiten geläutet wurden.

Glocke
Am 4.10.1860 verlegte Friedrich Placke seine Schiffbauerei auf den gegenüberliegenden Platz der „Heenemannschen Schiffbauerei“. Dies ist noch der heutige Werftstandort.
Der alte Platz auf dem „Kuckuk“ wurde weiterhin als Gastwirtschaft betrieben. Er ging ca 1894 nach einem Blitzschlag ein. Der Werfthügel ist noch heute sichtbar.
Da die Schiffe auf der Elbe damals nur aus Holz gebaut wurden, war die Zusammenarbeit der Schiffbauerei mit dem Holzhandel des Bruders zunächst ein Erfolgsmodell. Dennoch gelang es Friedrich Placke nicht, die Werft langfristig erfolgreich zu führen, er verschuldete sich gegenüber seinem Bruder, dem Holzlieferanten. Zum Ende der 60-ziger Jahre ruhte der Betrieb.
1869 traten die arbeitslosen Schiffbauer an den Holzhändler Georg Placke heran mit der Bitte, gemeinsam die Schiffbauerei seines Bruders wieder zu betreiben.
Am 3.06.1869 erhielt der Holzhändler Georg Placke vom Magistrat den Zuschlag zur Pacht des Geländes. Aus Dankbarkeit fertigen die „Frauen und Jungfrauen der Schiffbauer“ 1869 eine Zunftfahne, die heute als Leihgabe im Heimatmuseum in Aken aufbewahrt wird.
Eine Phase des Wachstums
Die Schiffswerft blüht unter Georg Placke jun. in Zusammenarbeit mit dem Holzhandel und dem allgemeinen Aufschwung nach der Reichsgründung 1870 auf. Noch werden nur Holzschiffe oder Wassermühlen gebaut bzw. repariert, jedoch mit dem Aufkommen von Dampfschiffahrt nimmt der Transport auf der Elbe zu.

Diese Aufnahme von 1890 zeigt die Placke`sche Werft mit Wassermühlen auf dem Slip und im Wasser einen typischen Kaffenkahn und einen der ersten Maßkähne.
Infolge des zunehmenden Verkehrs auf der Elbe mit freifahrenden, grösseren Schiffen mussten allmählich die Wassermühlen und die Floßschiffahrt weichen.
Mit Aufkommen der Dampfschiffahrt und der Fähigkeit, Eisen mittels Nieten zu verbinden , veränderte sich auch der Binnenschiffbau. Es begann die Zeit der Komposit-Bauweise, d.h. der flache Schiffsboden und die Decksabdeckung wurden weiterhin in Holz gefertigt, während die Aussenhaut und die verformten Bereiche des Vor- und Achterschiffes aus vernieteten Eisenplatten gebaut wurden.
Für die Schiffbauer und Zimmerleute bedeutete das eine grosse Umstellung, aber auch die Schiffswerft mußte sich auf Eisenbearbeitung einstellen, d.h. es mussten entsprechende Maschinen und Werkzeuge angeschafft werden.
Im Gegensatz zu seinem Bruder Friedrich war Georg Placke ein wirtschaftlich erfolgreicher Unternehmer. Neben der Schiffswerft und dem Holzhandel betrieb er eine Braunkohlengrube bei Micheln und war in seiner Jugend auch Schiffer auf der Elbe.
So erhielt er vom Hamburger Senat die Urkunde Nr. 4927 zusammen mit einer Medaille „aus dem Kupfer der eingeäscherten Kirchen“ für seine Hilfe beim grossen Brand von 1842 , welche noch heute in der Familie erhalten ist.
Als Folge der Reichsgründung 1870 entwickelte sich das Transportvolumen auf der Elbe in Richtung Sachsen und Böhmen gewaltig. Bis zum 2. Weltkrieg war der Fluss eine der meistbefahrenen Wasserstrasse in Europa!
Entsprechend hatte sich ein effektives System aus grossen Kähnen mit flachem Boden entwickelt, welche gegen den Strom von Dampfern im Schleppzug gezogen wurden, aber talwärts mit dem Strom selbständig bis Hamburg fahren konnten.
Es gab auch selbstfahrende Schiffe mit Dampfantrieb über Propeller, z.B. Eildampfer.
Die Schiffswerft Georg Placke spezialisierte sich auf den Plauer Maßkahn ( L= 67,00m, B=8,20m, T= 2,20m, dw= 750t), später wurde daraus der Elbe-Maßkahn (L= 75,00m, B= 10,60m, T= 1,60m, dw= 1050t).
1876 kehrte der Sohn Georg Placke (1848-1930) nach erfolgreicher Kriegsteilnahme 1870 und anschliessender Ausbildung bei Riebeck nach Aken zurück. Der Vater übertrug ihm allmählich die Leitung der Kohlengrube und der Schiffswerft.
Major Georg Placke ist bekannt geworden als Reichstagsabgeordneter (s. navalis 3/6) und Förderer der Elbeschiffahrt in vielen Verbänden und Ausschüssen.
Für seine Schiffswerft war bedeutungsvoll, dass er den Schiffern den Baupreis aus eigener Tasche finanzierte und die Rückzahlung entsprechend Geschäftslage streckte. (Ein heute durchaus übliches Finanzierungsmodell!)
Mit Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 waren die prosperierenden Zeiten vorbei, doch die Schiffswerft konnte weiter betrieben werden, obwohl viele Schiffbauer z.T. freiwillig in den Krieg gingen.. Nach dem Kriegsende ließ der Aufschwung auf sich warten und die Schiffswerft litt unter der allgemeinen Weltwirtschaftskrise. Ab 1928 ruhte der Betrieb.
1930 übergab Major Placke im Alter von 82 Jahren die Werft seinem Schwiegersohn Dr.rer.pol.Alfred Wieske (1901- 1982), der den Betrieb wieder eröffnete.
Der Betrieb bestand nur noch aus der östlichen Hellinganlage und zwei Schuppen.
Das Geschäft kam nur mühsam mit Reparaturen und ein paar Behörden-Aufträgen in Gang.
Da inzwischen aber zunehmend eiserne Motorschiffe auf der Elbe fuhren, wurde eine deutliche Umstellung auf Eisenschiffbau dringend notwendig. So wurde 1932 auf dem Deich eine neue Schiffbauhalle für Stahlbearbeitung errichtet, in derem unteren Geschoß eine Zimmerei mit einem horizontalen Gatter zum Sägen der Bodendielen untergebracht wurde. Die östliche Slipanlage wurde elektrifiziert, während die westliche Anlage für Schiffsneubauten manuell blieb.
Gebaut wurden Stahlschiffe und mittlere Motorschiffe, ansonsten wurden viele Reparatur an den recht anfälligen Elbemaßschiffen ausgeführt.
Die gute Entwicklung der Werft wurde auch durch den 2. Weltkrieg nicht aufgehalten. So wurde noch 1943 das Frachtschiff M.S. „Hansa VI“ abgeliefert.
Das Kriegsende 1945 hat die Werft unbeschädigt überstanden und stand somit für die Reparatur der versenkten Schiffsflotte zur Verfügung.
Neuausrichtung nach dem Krieg
1946 verfügte die SMA (sowjetische Militäradministration), dass die Schiffswerft in Aken zusammen mit der Roßlauer „Schiffswerft Kutter und Seiner“ als Reparationslieferungen für die SU liefern soll. Das war die 1. offizielle Zusammenarbeit mit Roßlau! Einige Maschinen stammen noch aus der damaligen Zeit.
Mit Einführung der Planwirtschaft der DDR wurden dann nur noch Reparturen durchgeführt. Dabei wurde die Materialsitation für private Betriebe wurde immer schwieriger und der Druck auf die Inhaber immer grösser!
So entschloss sich Dr. Wieske 1959 zur Annahme einer staatlichen Beteiligung, die von der Roßlauer Schiffswerft ausgeübt wurde – somit begann die zweite offizielle Zusammenarbeit mit Roßlau!
Die Werft hieß jetzt: Schiffswerft Georg Placke KG; Dr. Wieske war Komplementär, blieb aber persönlich haftend.
Nach anfänglichen Erleichterungen nahm später der politische Druck wieder stark zu, bis 1972 die Betriebe mit staatlicher Beteiligung von der DDR voll übernommen wurden. Die Werft hieß jetzt: VEB Schiffsreparaturwerften, Werft Aken. Dr. Wieske durfte die Werft nicht mehr betreten.
In diesen 20 Jahren wurden entsprechend der Planung für die Binnenwerften Reparaturen und Instandhaltungsarbeiten an der fahrenden Flotte der DDR durchgeführt. Der Betrieb konzentrierte sich nur auf die westliche Slipanlage, die entsprechend modernisiert wurde; die östliche Anlage wurde still gelegt.
Rückübertragung an Eigentümer
Nach der Wiedervereinigung wurde die Werft im Juli 1991 von dem ältesten Sohn von Dr. Wieske, Dipl.Ing. Peter Wieske, reprivatisiert. Im Vertrauen auf die Wiederbelebung der Elbeschiffahrt wurde bis 1993 die Werft modernisiert. So wurde u.a. die stillgelegte Schiffbauhalle großzügig wieder aufgebaut.
Das Unternehmensziel für die Belegschaft von ca 27 Mitarbeitern war: Schiffsneubau, Reparatur und Nebenfertigung.
In der ersten Jahren wurden diverse Fahrgastschiffe eigener Konstruktion und diverse Anlagen in der Umwelttechnik erfolgreich abgeliefert. Lediglich die Schiffsreparatur blieb hinter den Erwartungen zurück.

Werft 1993 auf dem westlichenSlip: Neubau „Schenkenland“, auf dem östlichenSlip der abgewrackte Dampfer „Reiher“, dessen Dampfmaschine heute auf dem Deich ausgestellt ist.
Im Laufe der Zeit wurde erkennbar, dass die Elbe nicht wieder zum Verkehrsträger entwickelt werden würde; der notwendige Ausbau wurde vielerseits behindert. Damit war also das Standbein Reparatur infrage gestellt.
Da die Schiffswerft aber nur durch Neubauten nicht wirtschaftlich betrieben werden konnte, musste das Unternehmenskonzept dahingehend geändert werden, dass in den allgemeinen Stahlbau ausgewichen werden musste. Dieser Markt war allerdings sehr umkämpft.
Die Roßlauer Schiffswerft war mittlerweise von der Rönner-Gruppe aus Bremerhaven zum reinen Stahlbaubetrieb entwickelt worden und hatte keine Slipanlage mehr. 1995 beschlossen die Eigentümer beider Werften, künftig zusammen zu gehen, um Synergieeffekte zu nutzen und breiter aufgestellt zu sein.
Die Roßlauer Schiffswerft übernahm 50% der Schiffswerft Georg Placke GmbH. Somit begann die 3. Phase der Zusammenarbeit mit Roßlau und die Werft war eingebettet in einer grösseren Firmengruppe.
2006 schied Peter Wieske als Gesellschafter aus, um die Übernahme der Werftführung durch ein Ingenieurbüro aus Bremerhaven zu ermöglichen, welches eine eigene Werkstatt suchte. Leider endete diese Verbindung 2010 in einer Insolvenz.
Da die Anlagen und das Gelände weiterhin der Roßlauer Schiffswerft gehörten, pachteten Rolf Pakendorf und Peter Wieske die Anlage und gründeten eine neue Gesellschaft, um die Werft mit einer verkleinerten Mannschaft weiter zu führen. Aber auch diese Schiffswerft konnte nicht voll ausgelastet werden.
Auf Antrag von Peter Wieske, der kurzzeitig die Geschäftsführung überommen hatte, beschloss am 28.04.2014 das Amtsgrericht in Dessau, das Insolvenzverfahren über die Schiffswerft in Aken einzuleiten.
In der Folgezeit benutzte die Roßlauer Schiffswerft das Werftgelände für gelegentliche Landnahmen von Reparaturschiffen wie beispielsweise die Dampfer der Dresdener Weissen Flotte oder Fähren.
2020 kaufte eine Gruppe von jungen Handwerkern aus Leipzig die komplette Werft einschließlich der Slipanlage, um ihr Konzept „Werftvolle Zukunft“ zu starten. Das Ziel beschreiben sie selbst:
„ ….gemeinschaftlich maximale Selbstbestimmung und Autonomie anzustreben. In der praktischen Umsetzung bedeutet das für uns, bezahlbaren Wohn- und Arbeitsraum zu schaffen.
Handwerk ist für uns vor allem die Entschlossenheit zur Umsetzung. Neben den klassischen Handwerkstätigkeiten verbindet uns aber alle die Freude an der Kunst vom Selbermachen und Rumprobieren.“
Die bereits vergangenen Jahre scheinen das Konzept zu bestätigen : neben der Auslieferung von diversen handwerklichen Objekten , fanden Kulturveranstaltungen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.
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Im Beitrag genannte Personen und Firmen
(redaktionelle Ergänzung)
Der folgende Überblick dient der besseren Einordnung der im Text erwähnten Personen. Er gehört nicht zum ursprünglichen Beitrag des Autors, sondern wurde redaktionell ergänzt. Die Auswahl beschränkt sich auf Personen, die im Zusammenhang mit der dargestellten Firmengeschichte genannt werden; weiterführende Angaben verweisen – soweit vorhanden – auf Einträge im Ortsfamilienbuch oder auf bereits erschienene Beiträge.
→ Schiffbaumeister Martin Kräuter
→ Schiffbaumeister Georg Placke
→ Schiffbaumeister Friedrich Placke
→ Holzhändler Georg Placke
→ Schiffswerftbesitzer, Reichstagsabgeordneter und Major Georg Placke
→ siehe auch Beitrag „Major Georg Placke“
→ Dr. rer. pol. Alfred Wieske
Gerhard Kaiser, VEB Schiffsreparaturenwerft
Peter Wieske
Dank
Ich danke Herrn Wieske herzlich für die Überlassung dieses Beitrags. Der Text greift auf eine frühere Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift zurück, wurde aber für diese Fassung aktualisiert und um jüngere Entwicklungen ergänzt.
Hinweis der Redaktion
Zwischenüberschriften und das Personenverzeichnis wurden aus Gründen der besseren Lesbarkeit redaktionell ergänzt. Der eigentliche Text bleibt inhaltlich unverändert.










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