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Egon Bahr, Architekt der SPD-Ostpolitik, diskutierte über Befindlichkeiten der Deutschen

Egon Bahr, einst Chef-Architekt der SPD-Ostpolitik, verfiel in marxistisches Vokabular und sprach von „Expropriation“ –von Enteignung also. „Ich kenne kein Volk auf Erden, das so enteignet worden ist“, erregte sich Egon Bahr mit Blick auf die Bürger der untergegangenen DDR, als er jetzt in Bonn über Konstruktionsfehler der deutschen Einheit diskutierte. Der Verlust an vertrauten Lebenszusammenhängen bewirkte für die Ostdeutschen eine weitgehende „Expropriation“. Kaum etwas sei geblieben, „mit Ausnahme des Schrebergartens – aber der ist ja auch nur gepachtet.“

Symptomatisch ist für Bahr die unterschiedliche Sprache: Während im Westen von „Wiedervereinigung“ gesprochen wird, heißt das im Osten „die Wende“. Nach Ansicht des 74-jährigen SPD-Manns, der sich einst mit Breschnew und Honecker traf, ist es tatsächlich eine Wende: “Die Ostdeutschen mußten sich wenden, sie konnten nicht handeln. Sie wurden behandelt.“ Seine Diagnose gefiel der PDS-Abgeordneten Dagmar Enkelmann aus Bernau (Brandenburg): „Ich fühle mich hier zum ersten Mal in Bonn verstanden.“

Gegenseitige Anerkennung – das klang fast nach einer alten SED-Formel aus der Zeit der Zeistaatlichkeit, war aber hier eher als Hilferuf gemeint. Wenn doch der Westen die „Adaptionsleistung“ der Ostdeutschen stärker würdigen würde, meinte der Publizist Klaus Hartung: Da gebe es im Osten vorzügliche Kommunalpolitiker, die in der Zeit des Umschwungs ihren gewohnten Beruf aufgegeben hätten und nun ihre Gemeinden erneuern. Und wer sich im Geschwindschritt das westliche System zu eigen mache, sehe auch stärker dessen Schwächen. Daher sei ein neuer Reformimpuls vom Osten zu erwarten.

Doch wann weicht das Gefühl der Ost-West-Fremdheit? Vom Zeitraum einer Generation sprachen sowohl Bahr als auch Hartung. Der Grund: Die Eliten seien nicht zusammengekommen. Im Osten existiere als Ergebnis der „Abwicklungen“ eine „gekränkte Elite“. Sie bilde den „fruchtbaren Humus für die PDS“, so Hartung.

Offenkundig denken führende Bonner Sozialdemokraten über einen neuen Stil nach im Umgang mit Ostdeutschen. Die Diskussion brachte einen ersten Versuchsballon hervor – sozusagen eine Wiederholung der alten Bahr-Formel „Wandel durch Annäherung“, diesmal bezogen auf Menschen, die mit der PDS liebäugeln.

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung vom 22.05.1996

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Weiterführende Quelle: Kurzbiographie Egon Bahr

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