Gastbeitrag von Per Ivar Larsen Sugar

Der Artikel über die Güssow-Brüder → zum Artikel „Der Barbier aus Genthin, der die Feier des norwegischen Nationaltags leitete“ ist auf der Grundlage historischer Quellen verfasst. In einer dieser Quellen kam Ernst Güssow selbst zu Wort. In einem Interview in der Zeitung Smaalenenes Amtstidende aus dem Jahr 1932 tritt der jüngere Güssow sowohl als Person als auch als Zeitzeuge des Halden am Ende des 19. Jahrhunderts hervor.

Das übersetzte Interview verleiht dem Artikel zusätzliche Anschaulichkeit. Während der Artikel die großen Linien – die Einwanderung, die Integration, das 17.-Mai-Komitee – nachzeichnet, berichtet Ernst mit eigenen Worten vom Alltag in Halden: von den Übungen der Bürgergarde auf Ossletten, von den Schlägereien auf dem Rødsberget in der Johannisnacht, von dem schwedischen Kunden, der Blut in seinen eigenen Zylinderhut spuckte, und von den vielen Jahrzehnten, in denen sein Bruder Gottlieb an der Spitze des norwegischen Nationalfeiertags stand.

Güssow erzählt mit Persönlichkeit und Humor von einem Leben, das begann, als ein 14–15-jähriger Junge aus Genthin in einer fremden norwegischen Stadt ankam und zu einem ihrer angesehensten Männer wurde. 

Halden in alten Tagen.

 

Barbiermeister Ernst Güssow erzählt der Zeitung  „Amtstidende“ Züge aus dem Leben der Stadt vor vielen Jahren.

Als die Bürgerwehr auf der Ossletten übte und der Rødsbergkönig in der Johannisnacht regierte. — Wie der 17. Mai ehedem gefeiert wurde.

Vor 71 Jahren kam hierher nach Halden ein junger Bursche von 15 Jahren. Sein Name war Ernst, und er kam aus Magdeburg. Wenig ahnte der junge Ernst, als er bei seinem älteren Bruder, der bereits seit geraumer Zeit in Halden ansässig war, in die Barbierlehre trat, daß er binnen nicht gar vieler Jahre einer der angesehensten und beliebtesten Männer der Stadt Halden werden sollte. Es währte nämlich nicht viele Jahre, bis der junge, energische und sympathische Mann sich ein Geschäft und einen guten Ruf hier in der Stadt erarbeitet hatte. Doch damit war es nicht genug; im Laufe der Jahre wurde der junge Güssow in solchem Maße geachtet und hochgeschätzt, daß er in das eine Vertrauensamt nach dem andern gewählt wurde.

Unser Mitarbeiter stattete Herrn Güssow neulich einen Besuch ab; es ging nämlich das Gerücht, er feiere in diesen Tagen seinen 85. Geburtstag. Mit dem Geburtstage verhielt es sich jedoch nicht ganz richtig, indem Herr Güssows Geburtstag von der Vorsehung auf eine ganz andere Zeit des Jahres verlegt worden war – „so unerquicklich es auch ist, daß ich Ihnen auch in diesem Stücke nicht behilflich sein kann“, wie Herr Güssow sagte. Doch ob nun Geburtstag oder nicht, wir wurden hereingebeten und bewirtet, als handle es sich um ein 100jähriges Jubiläum, nicht um schlichte 85 Jahre.

Nach einiger Zeit gelang es auch, den jungen Güssow (er ist nämlich noch immer jung, 85 Jahre sind ja nur Kindesalter) zum Erzählen zu bewegen.

Die Bürgerwehr

— Haben Sie etwas von der Bürgerbewaffnung gesehen, oder der Bürgergarde, wie sie wohl genannt wurde, Herr Güssow?

— Ja gewiß habe ich das, antwortet Güssow und richtet sich im Stuhle auf, wie ehedem zu Pferde. Gewiß habe ich die Bürgergarde gesehen. Sobald ich abends frei hatte, sprang ich hinauf auf die Ossletten, um die Exerzitien zu sehen. Der erste Chef, dessen ich mich entsinne, war Uhrmacher Amundsen; er war ein strenger Herr, der sorgfältig darüber wachte, daß die Disziplin hoch in Ehren gehalten wurde. Schmied Nilsen war Kommandiersergeant, und Schreiner Amundsen war Unteroffizier. Die Ausrüstung erhielt das Korps von Fredriksten Festung. Mit den Uniformen nahm man es offenbar nicht allzu genau; ich sah viele, die gar kein Soldatengewand trugen, und die vorhandenen Uniformen waren recht verschiedenartig – allerlei Schnitte und Farben. Doch das tat ja nichts; es ist nicht so schlimm, wenn die Weste rot ist, solange die Seele schwarz ist, wie Onkel Bräsig sagte.

Die Übungen wurden ein- oder zweimal in der Woche abgehalten, in Gegenwart vieler hundert Zivilisten. Es ging mit Leben und Lust zu, und der geringste Fehlgriff wurde berichtigt und so lange eingeübt, bis es ohne Knarren und Fehler ging. Amundsen hatte eine Kompanie, auf die er stolz sein konnte, und er erhielt auch viel Lob von König Carl Johan, als dieser hier war. Freilich dünkt mich, daß das Lob, welches Amundsens Kompanie bei einer bestimmten Gelegenheit zuteil wurde, etwas zweifelhaft war.

Bei einer Inspektion kam der König nämlich an einem Schneider vorüber, der stramm im „Gebt Acht“ stand, wie die andern natürlich auch. Dieser Schneider jedoch hatte ganz abnorm große Füße, war zudem kurzbeinig und o-beinig. Seine Beinkleider hatte er offenbar nicht selbst genäht, denn sie waren wohl eine Nummer zu klein; sie saßen wie Trommelfell um seine Schenkel.

Als der König diesen strammen und imposanten Soldaten erblickte, blieb er einen Augenblick stehen, betrachtete ihn nachdenklich und sprach gleichsam bewundernd: „Tüchtige Kerle mit schönen Füßen!“

— Daß die Füße so schön gewesen seien, will ich nicht behaupten, fährt Güssow fort, aber tüchtige Kerle waren es allemal.

Als die Bürgergarde verschlief

Am nächsten Morgen sollte „Grand Parade“ und Defilierung anläßlich der Abreise des Königs stattfinden. Der König mußte jedoch ohne Abschiedsdefilierung abreisen, denn all die tüchtigen Kerle mit den schönen Füßen hatten verschlafen. Außer Amundsen erschienen nur zwei Mann, und diese beiden armen Kerle erhielten einen derben Verweis, so daß sie ihre „schönen Füße“ unter den Arm nahmen und das Weite suchten.

Ach ja, es geschahen mancherlei kuriose Dinge.

Aus der Barbierstube

In der Barbierstube ereigneten sich viele lustige Episoden, können Sie glauben, fährt Güssow nach einer kleinen Pause fort.

Einmal war ich im Begriff, einen Schweden zu scheren. Plötzlich donnert die Brand-Salut von der Festung. Der Schwede fuhr vom Stuhl auf, als hätte ich ihn in den Hintern gestochen, und stürzte zur Tür hinaus. Ob er glaubte, der Krieg sei ausgebrochen, vermag ich nicht zu sagen. Ich mußte indessen ebenfalls hinaus, um zu sehen, was im Gange sei. Inzwischen kam der Schwede zurück und wollte den Rest seines Haares geschnitten haben – ich hatte nämlich nur die eine Hälfte des Kopfes geschoren. Doch ich war und blieb verschwunden, und schließlich ging der Schwede fluchend und schimpfend seines Weges, erzählte der Lehrjunge.

Ein andermal kam ein anderer Schwede herein, dem ein Zahn wehe tat und der ihn gezogen haben wollte. In alten Zeiten mußten die Barbiere ja auch als Zahnärzte fungieren. Seinen hohen Zylinder stellte er neben den Stuhl, mit der Öffnung nach oben.

Nach einiger harter Arbeit, ohne Betäubung, gelang es uns endlich, den Zahn zu ziehen, und der Mann war seines Schmerzes ledig. Darüber ward er so froh, daß er neben dem Stuhle niederkniete und dankte – ob meinem Bruder, mir oder unserem Herrgott, weiß ich nicht mehr. Doch nach einer Zahnausziehung fließt bekanntlich viel Blut, und in der Verwirrung und Freude spie der Schwede eine Mundvoll Blut nach der andern in seinen Hut, indem er redete – er verwechselte seinen Hut mit dem Spucknapf.

Als er später mit einer chevaleresken Verbeugung den Hut aufsetzte, bemerkte er seinen Irrtum – das will ich Ihnen sagen! Die Dankesworte oder Ausrufe, die er da ausstieß, galten nicht dem Herrgott, das weiß ich noch deutlich, schließt Güssow.

Übrigens mussten wir uns nicht nur als Zahnärzte versuchen, sagt Güssow. Nein, zu uns kamen die Leute mit allerlei Wunden und Verletzungen. Einmal kam ein Mann zu meinem Bruder mit einem gebrochenen Kiefer, den er repariert haben wollte.

Als der Rødsbergkönig in der Johannisnacht regierte

In alten Tagen war die Johannisnacht ein großes Vergnügen. Auf dem Rødsberg versammelte sich die ganze Bürgerschaft, und aus der Umgegend strömten die Leute herbei. Die Läden waren geschlossen, man sammelte sich auf dem Markt, und mit der Brigademusik an der Spitze zog man in Prozession hinauf.

Der Zug wurde angeführt vom „Rødsbergkönig“, dem Fischträger Andreas Kakkelen. Er trug einen Zweispitz, Bänder in den Nationalfarben und breite rote Streifen an den Hosen.

Oben auf dem Rødsberg hielt der König eine humoristische Rede. Dann setzte sich das Fest auf mancherlei Weise fort: einige tanzten, andere tranken oder spielten Karten, wieder andere rauften. Brennende Teertonnen warfen ihren Schein über die bunte Menge auf dem Berge. Die Marketender machten gute Geschäfte; Kaffee, Bier und Butterbrote nahmen kein Ende. Man hielt aus bis zum hellen Morgen – „Johannis ist nur einmal im Jahr“, sagte man zur Entschuldigung.

Doch die Schlägereien arteten mit der Zeit aus. Wenn es zu arg wurde, trat der „König“ kraft seiner Autorität dazwischen. Doch einmal ging es anders: Als er schlichten wollte, fielen die Kampfhähne über ihn her und schlugen ihn jämmerlich zusammen. Das war wohl der Anfang vom Ende; als der König seine Autorität verlor, verlor er auch den Respekt, und nach und nach starb der Johannisspaß auf dem Rødsberg aus.

Lustige Sängerbrüder

Sänger war natürlich Güssow mit Leib und Seele, und er hat viele alte Erinnerungen aus den frohen Sängertagen.

Einmal, erzählte er, hatten wir Probe bis um 11 Uhr des Abends gehabt. Als wir nach der Übung die Storgaten hinabkamen, waren wir heiter im Gemüt, und so stimmten wir alles an, was wir singen konnten. Doch das wurde natürlich nicht geduldet, und wir wurden wegen Ruhestörung und Störung der nächtlichen Ordnung angezeigt. Vertreter des Gesangvereins wurden zum Polizeimeister vorgeladen und darüber belehrt, wie sich ordentliche Leute am Abend zu benehmen hätten.

Wir kamen übrigens glimpflich davon, und zum Dank für die milde Strafe erschien der gesamte Gesangverein vor dem Polizeikontor und brachte dem Polizeimeister eine Serenade dar. Erst am folgenden Tage erfuhren wir, daß der Polizeimeister an jenem Abend gar nicht im Polizeikontor zugegen gewesen war. Dennoch dankte er uns später für die Aufmerksamkeit.

Der 17. Mai in alten Tagen

— Der 17. Mai war wohl auch ehedem ein großes Vergnügen?

— Allerdings. Mein Bruder war der Leiter des Siebzehnter-Mai-Komitees. Große Vorbereitungen wurden getroffen, oft zwei bis drei Wochen lang, damit alles klappe und Norwegens Ehrentag würdig begangen werde.

Früh am Morgen begann man mit Salutschüssen, Glockengeläut, Musik, Gesang, Reden und Prozessionen.

Für die Kinder gab es allerlei Kurzweil: Sackhüpfen, Balancieren und eine hohe Stange mit vielerlei Gegenständen obenan. Wer hinaufkletterte, durfte sich einen Gegenstand herabholen. Einmal jedoch war da ein Matrose, der alles auf einmal mitnahm. Als er herunterkam, erhielt er einen tüchtigen Hieb mit dem Stock und mußte wieder hinauf und alles zurückhängen.

Andere Wettbewerbe waren Wurstessen – lange Würste mit einer Zwei-Kronen-Münze in der Mitte. Zwei aßen von beiden Enden her, und wer zuerst zur Münze gelangte, durfte sie behalten.

— Auch Schütze bin ich einst gewesen, erzählt Güssow. Wir übten draußen auf Remmen. Einmal wäre ich beinahe erschossen worden; ein Betrunkener hatte ein Gewehr ergriffen und angelegt. Uhrmacher Amundsen erkannte die Gefahr und schlug gegen den Lauf, so daß der Schuß in eine andere Richtung ging. Mit Wehmut mußte ich später das Schießen an den Nagel hängen, als meine Augen schlechter wurden.

Doch nun müssen Sie mich entschuldigen, sagt Herr Güssow. Wenn Sie mehr Geschichten aus alten Tagen hören wollen, so kommen Sie ein andermal wieder.

Nun muß ich meinen Spaziergang machen – und das sollten auch Sie tun, junger Mann, so bleiben Sie ebenso jung wie ich.

J.

Zum Autor

Der Beitrag wurde von Per Ivar Larsen Sugar verfasst, der Masterstudent der Geschichte an der Universität Oslo ist. Im Rahmen eines genealogischen Forschungsauftrags stieß er auf die Geschichte der Brüder Güssow.

→ Zeitungsartikel im Original (Norwegisch)
Quelle→ Halden i gamle dage . (1932, 9. April). Smaalenenes Amtstidende, S.5.

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→ Gastautor Per Ivar Larsen Sugar

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