Gastbeitrag von Per Ivar Larsen Sugar
In einem früheren Beitrag auf dieser Webseite haben wir die Geschichte von → zwei Brüdern aus Genthin verfolgt, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Norwegen auswanderten und dort zu einem festen Bestandteil der lokalen Gemeinschaft wurden. Doch die Geschichte der deutschen Einwanderer nach Dänemark und Norwegen beginnt früher. Lange bevor im 19. Jahrhundert die Handwerker und Kaufleute kamen, kamen Deutsche unter anderem als Soldaten angeworben, besoldet und im Dienst für einen fremden König.
In diesem Beitrag richten wir den Blick auf das 18. Jahrhundert und fragen: Wer waren diese Männer, die sich anwerben ließen? Warum verließen sie ihre Heimat, und was erwartete sie in Dänemark?
Ein junger Mann zieht nach Norden
Irgendwann um 1770 verließ ein junger Chirurg sein Heimatdorf Neckarrems, ein kleines Dorf am Neckar und Rems, nicht weit von Stuttgart und der Garnisonsstadt Ludwigsburg in Württemberg, und machte sich auf den Weg nach Norden. Er hieß Johannes Krämer und war der Sohn des Chirurgen Georg Friedrich Krämer. Wahrscheinlich hatte er sein Handwerk bei seinem Vater gelernt und anschließend eine Lehre in Ludwigsburg und Heilbronn absolviert. Mit zwanzig Jahren ließ er sich in dänische Dienste anwerben, als Feldscher in der Garnison von Rendsburg.
Illustration:
Das Bild von 1763 zeigt einen gemeinen Soldaten des Bornholmschen Infanterie-Regiments mit rotem Rock. Die Uniform der Regimentsfeldscherer war wohl anders gestaltet. Gemäß dem Reglement von 1747 sollten die Feldscherer rote Kleidung tragen, wenn das Regiment versammelt war, andernfalls standen sie in ihrer Kleidungswahl frei. Im Jahr 1754 wurde dies dahingehend präzisiert, dass sie lediglich ein einfaches rotes Gewand tragen sollten, jedoch blieb unklar, ob dies das gesamte Outfit oder nur den Rock betraf. Da sie rangmäßig den Leutnants gleichgestellt waren, trugen sie wahrscheinlich Dreieckshut und Degen. (Zeichnung: → Bertram. 1763. Nasjonalbiblioteket, Norwegen. Lizenz: Public
Krämer war keineswegs ein Einzelfall. Im 18. Jahrhundert bestand die dänisch‑norwegische Armee aus Zehntausenden angeworbener Soldaten, und Schätzungen zufolge stammte etwa die Hälfte von ihnen aus deutschen Gebieten. Wer waren diese Männer? Was trieb sie dazu, ihre Heimat zu verlassen, und was erwartete sie, als sie in Dänemark ankamen?
Eine Armee, die Ausländer brauchte
Der Hintergrund dafür war unter anderem die Rivalität mit Schweden. Im Laufe des 17. Jahrhunderts führten Dänemark‑Norwegen und Schweden sechs Kriege gegeneinander. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts tobte der Große Nordische Krieg. In den Jahren 1756–1763 war zudem die Südgrenze Dänemarks im Siebenjährigen Krieg bedroht. Eine der Folgen war, dass Dänemark‑Norwegen einen großen militärischen Apparat aufbaute.
Der dänische König war in dieser Zeit zugleich Herzog von Schleswig und Holstein, und die beiden Herzogtümer unterstanden seiner Herrschaft. Die südliche Grenze der dänisch-norwegischen Monarchie verlief an der Elbe. Altona war die zweitgrößte Stadt in Dänemark. Dies machte die Anwerbung deutscher Soldaten sowohl einfach als auch naheliegend. Rendsburg, die wichtigste Garnisonsstadt in den Herzogtümern, war ein Knotenpunkt in diesem Rekrutierungsnetz, und genau hier ließ sich Johannes Krämer nieder, heiratete die Bürgerstochter Catharina Sophia Jöns und baute seine Laufbahn auf.
Die dänische Armee war zweigeteilt: Zum einen gab es einen professionellen Kern aus angeworbenen Soldaten, im Jahre 1785 etwa 20 500 Mann, zum anderen eine Mobilmachungsstreitkraft aus wehrpflichtigen dänischen Bauern, rund 17 000 Mann. In einem Reich mit nur etwa 840 000 Einwohnern waren das beträchtliche Zahlen. Die Zweiteilung war bewusst gewählt: Indem man die Bauern in Friedenszeiten zu Hause hielt, sicherte man die Arbeitskraft in der Landwirtschaft. Die Leibeigenschaft, die die Bauern an den Boden band, spielte in diesem System eine wichtige Rolle, bis sie gegen Ende des Jahrhunderts abgeschafft wurde.
Anwerbungen auf dem Lande waren in der Praxis verboten, und die Werbung freier dänischer Bürger reichte nicht aus. Die Lösung bestand in der Anwerbung von Ausländern.
Die Männer, die sich zum Dienst meldeten, hatten unterschiedliche Gründe für diese Entscheidung. Einige wurden überredet, andere trafen die Wahl aus freien Stücken. Johannes Krämer war einer von ihnen. Und um zu verstehen, wer diese Männer waren und was sie antrieb, müssen wir das eigentliche Werbungssystem genauer betrachten.
Das Wirtshaus, die Uniform und das Handgeld
Wie gelangte ein junger Mann aus Württemberg oder Preußen in den Dienst des dänisch‑norwegischen Königs? Die Antwort lautet: am häufigsten durch eine Begegnung mit einem Werbeoffizier in einem Wirtshaus.
Die Werbung erfolgte auf verschiedene Weise. Am verbreitetsten war, dass die Regimenter eigene Werbekommandos in die deutschen Länder schickten. Das war jedoch kostspielig und wenig effizient, auf denselben Rekrutierungsmärkten konnten mehrere dänische Kommandos am Ende gegeneinander bieten. Die Lösung war daher eine gemeinsame General‑Werbekommission in Rendsburg, die die Werbung im Ausland koordinierte und die Rekruten zu festen Preisen den Regimentern zuteilte.
Vor Ort gab es außerdem eine eher unorganisierte „Stückwerbung“, bei der die Soldaten der Kompanien in ihrem Umfeld Rekruten anwarben und dafür eine Prämie erhielten. Die auffälligste Form war die sogenannte „Schillingswerbung“: Jungen wurden bereits im Kindesalter an den zukünftigen Dienst gebunden, gegen einen täglichen Schilling und die Verpflichtung, sich zu melden, wenn sie 15 bis 17 Jahre alt waren. Sie trugen ein rotes Halstuch als Zeichen dieses zukünftigen Dienstes. Diese Regelung wurde in den 1770er‑Jahren abgeschafft.
Werbestellen von Hamburg bis Ulm
Bei der Werbung in den deutschen Ländern unterhielt die dänische Armee Werbebüros, sogenannte Ordonnanzhäuser, in einer Reihe größerer deutscher Städte. Frankfurt am Main, Hamburg, Lübeck, Ulm und Mühlhausen gehörten zu den wichtigsten. Von dort schickten die Werbeoffiziere ihre Unteroffiziere in die umliegenden Städte, um kleinere Werbestellen einzurichten.
Äußerlich waren die Ordonnanzhäuser mit farbenprächtigen Werbeschildern geschmückt. Im Inneren gab es verschließbare Räume, in denen die Rekruten zwischen den Transporten festgehalten werden konnten. Die Angst vor Desertion war groß.
Das wichtigste Werkzeug des Werbeoffiziers war Überredungskunst. Er musste mit Eleganz und Selbstsicherheit auftreten und ein Vorbild für den jungen Mann sein, den er anwerben wollte. Die Versprechungen waren großzügig: fester Sold, Aufstiegsmöglichkeiten, freie Religionsausübung, und nicht zuletzt Handgeld, das typischerweise zwischen 20 und 40 Reichstalern lag. Alkohol war meist ein fester Bestandteil des Prozesses. Der potenzielle Rekrut wurde mit Essen und Trinken bewirtet, um eine gemütliche Stimmung zu schaffen und Zweifel zu zerstreuen.
Zwangsrekrutierung war verboten, kam aber dennoch vor. Die Werbeoffiziere waren verpflichtet, stets Uniform zu tragen, gerade damit derjenige, der sich anwerben ließ, wusste, mit wem er es zu tun hatte.
Die formalen Anforderungen an die Rekruten waren klar: Sie sollten zwischen 18 und 30 Jahre alt sein, mindestens 165 cm groß, christlichen Glaubens und der dänischen oder deutschen Sprache mächtig. In der Praxis wurden diese Anforderungen häufig umgangen: Die Werbeoffiziere rechtfertigten kleine oder ältere Rekruten damit, dass sie andere nützliche Fähigkeiten besaßen, etwa Musik, Buchhaltung oder frühere Kriegserfahrung, die in der Praxis mehr wogen als Alter und Größe. Viele wurden daher aufgenommen, obwohl sie die Vorschriften nicht erfüllten. Die Altersgrenze galt zudem nur für Neuangeworbene, nicht für diejenigen, die ihren Kontrakt verlängerten.
Der Weg nach Rendsburg
Wer sich anwerben ließ, unterzeichnete eine Kapitulation, einen Vertrag über in der Regel acht Jahre für Mannschaften und sechs Jahre für Unteroffiziere. Die Rekruten wurden in der Regel zu Fuß nach Rendsburg gebracht, eine Reise, die mehrere Wochen dauern konnte. Sie wurden von bewaffneten Soldaten, oft mit Hunden, eskortiert und übernachteten in Ordonnanzhäusern oder in Gasthöfen.
Um Fluchtversuche zu verhindern, wurden persönliche Papiere eingezogen und beim Kompaniechef aufbewahrt, die Rekruten wurden rasch mit dänischer Uniform ausgestattet, während die Zivilkleidung verkauft wurde. Das Handgeld wurde nur teilweise bei der Werbung ausgezahlt, der Rest erst bei der Ankunft in Rendsburg.
Das Verhältnis zwischen Werbern und lokalen Gemeinschaften war in der Regel negativ. Die Werber galten als eine Art Menschenhändler, und die Leute befürchteten, dass Söhne, tüchtige Männer oder unentbehrliche Handwerker abgeworben würden. Zugleich konnte die Werbung der lokalen Gemeinschaft nutzen, indem sie Unruhestifter und Landstreicher entfernte. Männer, die kleinere Straftaten begangen hatten, bekamen oft die Wahl zwischen Strafe oder dem Eintritt in den Dienst. Das ersparte den Obrigkeiten Kosten und gab dem Mann die Möglichkeit zu einem Neuanfang.
Wer waren diese Männer?
Untersuchungen des Kronprinzen‑Regiments zeigen, dass etwa die Hälfte der Rekruten ein Handwerk oder einen erlernten Beruf mitbrachte: Zimmerleute, Schuhmacher, Textilarbeiter. Handwerker waren begehrt. Nach einigen Dienstjahren konnten sie vom Garnisonsdienst befreit werden und als Handwerker im zivilen Leben arbeiten. Die Armee sparte Geld, und die Handwerker trugen mit ihrem Können zur Entwicklung der Garnisonsstadt bei. Die andere Hälfte kam ohne formale berufliche Vorbildung.
Das Durchschnittsalter lag bei 23-24 Jahren, und die meisten waren unverheiratet. Viele hatten sich vermutlich aus einfachen wirtschaftlichen Gründen anwerben lassen: Arbeitslosigkeit, Schulden oder Hunger. Andere flohen vor etwas, einem tyrannischen Dienstherrn, einer unglücklichen Liebe oder den Folgen einer Gesetzesübertretung. Wieder andere suchten das Abenteuer.
Der junge Buchhändlerlehrling Nübling aus Ulm, der sich 1783 anwerben ließ, beschrieb es in seinem Buch „Acht Jahre in Dänemark“ („Otte år i Danmark“) so: Er wollte sich aus Verhältnissen lösen, die für seinen „strebenden Geist“ zu eng waren, und stellte sich eine Zukunft voller Ehre, Ruhm und Freiheit vor.
Die Hälfte waren Deutsche
Das Ausmaß der deutschen Werbung war beträchtlich. Beim Infanterie‑Heer insgesamt lag der Anteil geworbener Dänen schätzungsweise bei 40 Prozent, Deutscher bei 45 Prozent und Geworbener aus anderen Ländern bei 15 Prozent. Untersuchungen des Kronprinzen‑Regiments bestätigen dieses Bild.
Etwa 55 Prozent der in der Zeit von 1774 bis 1803 neu geworbenen Rekruten waren Ausländer, und von diesen stammte fast die Hälfte, 47 Prozent, aus deutschen Gebieten. Die übrigen Ausländer kamen aus anderen Teilen Europas, einige sogar aus Amerika und Afrika. Die Armee hatte also einen massiven Bedarf an ausländischer Arbeitskraft und warb schätzungsweise zwischen 1 250 und 2 000 Mann pro Jahr an.
Deutsch war nicht nur die Muttersprache eines großen Teils der Mannschaften, es war auch Kommandosprache und Verwaltungssprache des Heeres. Für junge Männer aus den deutschen Gebieten war die dänisch‑norwegische Armee in vielerlei Hinsicht eine vertraute Welt.
Johannes Krämer gehörte zu einer etwas anderen Kategorie. Er war Feldscher, also ein ausgebildeter Chirurg, und trat in dänische Dienste in eine Stellung, die genau seine Kompetenz verlangte. Er verließ Württemberg als junger Mann und fand sein Leben im Dienst eines fremden Königs. Was dieses Leben umfasste, Laufbahn, Familie, fachliche Entwicklung, ist die Geschichte, die wir im nächsten Beitrag erzählen.
Epilog
Im Jahr 1803 wurde beschlossen, die Armee nach und nach durch Wehrpflicht zu rekrutieren und die Werbung schrittweise auslaufen zu lassen. Die Generalwerbung wurde zwar noch bis 1808 fortgeführt, und einzelne geworbene Soldaten standen bis nach 1820 im Dienst, doch das System der geworbenen Gemeinen Soldaten ging seinem Ende entgegen.
Rendsburg, der Knotenpunkt des dänisch‑norwegischen Werbesystems, lag in einem Grenzland, das seine nationale Zugehörigkeit wechseln sollte. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 wurden Schleswig und Holstein Teil Preußens, und Rendsburg wurde eine Stadt in Deutschland. Nach einer Volksabstimmung im Jahr 1920 wurde die Grenze nach Süden verlegt, bis knapp nördlich von Flensburg, wo sie auch heute noch verläuft.
Literaturverzeichnis
Bertram, C. (1763). → Vorstellung der sämtlichen Königl. Dänischen Armee (S. 36/S. 84-85).
Carøe, K. (1906). → Den danske lægestand kirurger eksaminerede ved Theatrum Anatomico-chirurgicum 1738—1785 (S. 38-39). Gyldendalske boghandel – Nordisk forlag.
Nübling, T. H. (2005). Otte år i Danmark: en hvervet tysk soldats erindringer 1783-1791 (K. S. Petersen, Hrsg.). Tøjhusmuseet.
Petersen, K. S. (2001). Den danske hærs hvervning af soldater i slutningen af 1700-tallet. → Fortid og Nutid, 2001–01
Petersen, K. S. (2014). Kongens klæder: Uniformer og udrustning i den danske hær indtil 1816 og den norske hær indtil 1814 (S. 448). Historika / Gads Forlag A/S.
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Quelle Beitragsbild: Justus Perthes, Public domain, via Wikimedia Commons

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