Bildunterschrift: Auf Spitzbergen gibt es mehrere Ortsnamen, die nach Søren, Waldemar und seiner Frau Sally Kræmer benannt sind.
Gastbeitrag von Per Ivar Larsen Sugar
Als der deutsche Chirurg Johannes Krämer sich in den 1770er Jahren in Rendsburg niederließ, konnte er sich wohl kaum vorstellen, dass der Name seines Enkels eines Tages in den Kirchenbüchern aus Tromsø stehen würde. Es war sein Sohn Cæsar Læsar Krämer, der diese Reise unternahm, vom Haus des Amtsarztes in Kolding bis ans offene Meer im Norden. Dort ließ sich der Enkel Johannes auf Sandøya nieder, ganz draußen am Meeresrand, und machte die Familie zu einem Teil der nordnorwegischen Küste.
Cæsar Læsar, ein Name, den man trägt
Cæsar Læsar Krämer wurde am 1. August 1783 in Fredericia getauft. Die Taufpaten waren von hohem Rang: Frau Generalin Lütichau, Generaladjutant Guhl, Kapitän Kellerman und Leutnant Maule. Das sagt etwas über die Stellung des Vaters als Militärarzt im dänisch-norwegischen System und über die gesellschaftlichen Kreise, in denen sich die Familie bewegte. Der Ursprung des Namens Cæsar Læsar ist uns nicht bekannt.
Die Kindheit verbrachte er in Viborg und Kolding, wo der Vater als Amtsarzt tätig war. Bei der Volkszählung von 1787 finden wir ihn als Vierjährigen im Familienheim in der Mathias Gade in Viborg. Er wurde 1799 in Kolding konfirmiert, danach verschwindet er für einige Jahre aus den Quellen.
Seemann in unruhigen Zeiten
Wahrscheinlich ging Cæsar Læsar kurz nach der Konfirmation zur See. 1805 legte er die Schifferprüfung an der Navigationsschule der Kopenhagener Schiffergilde ab.
Der Prüfungsstoff umfasste zu dieser Zeit:
„Zeitrechnung zu beherrschen, Höhenmessung mit Sonne und Sternen, die Missweisung des Kompasses mit einer und zwei Peilungen am Horizont sowie Azimutpeilungen zu berechnen und zu berichtigen. Desgleichen die Berechnung und Handhabung der flachen und der wachsenden Karte, ein korrektes Journal zu führen und seinen Kurs dorthin zu setzen, wohin er zu fahren gedenkt.“
Er hatte damit die theoretische und praktische Kompetenz, um ein Schiff zu führen.
Doch er legte seine Prüfung in einem der schwierigsten Jahrzehnte für die norwegische und dänische Schifffahrt ab. 1801, während der Napoleonischen Kriege, hatte die britische Marine Kopenhagen angegriffen und große Teile der dänisch-norwegischen Flotte zerstört. 1807 wurde Kopenhagen erneut bombardiert und die verbliebene Flotte von den Engländern beschlagnahmt. Dänemark-Norwegen war damit ohne Seeverteidigung, und die Briten kontrollierten und blockierten die Handelsrouten. Schätzungsweise 1.400 dänische und norwegische Schiffe wurden gekapert, und rund 7.000 Seeleute endeten als Kriegsgefangene in England.
In dieser Situation stellte der dänische Staat Kaperbriefe aus, eine Art staatliche Lizenz zur Piraterie gegen britische Fahrzeuge. Es wurden Werte in enormer Höhe gekapert, aber das Risiko war entsprechend groß. Für einen jungen Schiffer wie Cæsar Læsar war die Zeit von 1805 bis 1814 geprägt von Unsicherheit, unterbrochenen Handelsrouten und ständiger Gefahr.
Tromsø, aber wie?
1811 taucht Cæsar Læsar Krämer in Tromsø auf, und wir gehen daher dazu über, die norwegische Schreibweise des Namens zu verwenden: Kræmer. Die Stadt liegt auf fast 70 Grad nördlicher Breite. Sie liegt so weit im Norden, dass es im Sommer zwei Monate Mitternachtssonne und im Winter zwei Monate Polarnacht gibt. Im Jahr 1794 erhielt die Stadt das Stadtprivileg. Sie war klein, mit weniger als 100 Einwohnern im Jahr 1807. Cæsar Læsar ist in einer Militärrolle als „Handelsgehilfe“ verzeichnet. Wie er nach Tromsø gelangte, wissen wir nicht. Eine mögliche Erklärung ist, dass er mit einem der Handelsschiffe kam, die in den Jahren 1803 bis 1807 Tromsø von Kopenhagen, Russland und anderen europäischen Häfen anliefen, einer Zeit, in der der Außenhandel der Stadt aufblühte. Nach dem Flottenraub von 1807 wurden viele Seeleute entlang der gesamten Küste arbeitslos. Vielleicht fand Cæsar Læsar gerade dann, als die großen Routen geschlossen wurden, in Tromsø Sicherheit, Arbeit und Halt.
Jedenfalls ist klar, dass er kein Fremder in Tromsø war, als er 1811 erfasst wurde. Die Stelle als Schiffer, die er bald darauf erhielt, bekam man nicht ohne Ortskenntnis. Er musste das Vertrauen der Reeder genossen haben und die Gefahren, die Fahrwasser und die Häfen gekannt haben.
Proviant für das Geschwader
Im Sommer 1812 lag ein Teil des dänischen Marinegeschwaders auf der Reede von Tromsø, vom König entsandt, um die Souveränität entlang der Küste zu demonstrieren und den britisch-russischen Handel zu stören. Quittungen des Geschwaders zeigen, dass Cæsar Læsar regelmäßig an Bord war und in den Tagen vor dem, was als »Die Schlacht von Pølsehavna« bekannt werden sollte, Proviant lieferte. Ein britisches Fregattengeschwader griff damals die auf Reede liegenden Marineschiffe an. Die Briten verfügten über überlegene Feuerkraft, und nach einem kurzen Kampf siegten die Engländer. 17 Mann von beiden Seiten wurden getötet.
Illustration 1 – Quittung, unterschrieben von Cæsar Læsar Kræmer, 1812

Modtaget af Proviants Offiserern ved den Finmarske Ewqvadre Dhrr Ole Fæster og Bendt Rasmussen til Ole Brygning for Esqvadren 16 td. Malt og 64 [ lis]pund Humle, der er udbragt til 24 td. Øll eller 2622 Potter og derfor udbetalt mod erholdt Regning den Summa 67 rdr.
Tromsø 10. Juni 1812, for Figenschou, Cæsar Læsar Kræmer
(kilde: Riksarkivet, „212 Proviantregnskap for den finnmarkske eskadre“ Arkivenhet RA/EA-3110/R/Re/L0010/000)
Übersetzung:
Empfangen vom Proviantoffizier beim finnmarkischen Geschwader, den Herren Ole Fæster und Bendt Rasmussen, zum Brauen von Bier für das Geschwader 16 Fass Malz und 64 [Lis]pfund Hopfen, woraus 24 Fass Bier oder 2622 Pott gebraut worden sind, und dafür ausgezahlt gegen erhaltene Rechnung die Summe von 67 Reichstalern.
Tromsø, 10. Juni 1812, für Figenschou, Cæsar Læsar Kræmer
(Quelle: Riksarkivet, „212 Proviantregnskap for den finnmarkske eskadre“ Arkivenhet RA/EA-3110/R/Re/L0010/000)
Heirat und Schifferstelle
Am 13. Juni 1814, im selben Jahr, in dem Norwegens Verfassung unterzeichnet wurde, heiratete Cæsar Læsar Kræmer Ane Margrethe Sørensdatter Kiil (1792–1868). Sie stammte von einem Hof außerhalb der Stadt, und ihre Familie hatte lokale nordnorwegische Wurzeln.
Zöllner Arent Alexander Vadel bezeugte bei der Trauung, dass Cæsar Læsar gegen Pocken geimpft worden war. Die Impfarbeit des Vaters in Kolding, er war der erste in Dänemark, der 1803 gegen Pocken geimpft hatte, hatte in Form eines gültigen Pockenscheins Tromsø erreicht.
Cæsar Læsar und Ane Margrethe bekamen vier Kinder, von denen drei aufwuchsen: Johannes (1814–1858), Søren Andreas (1817–) und Christian Brun (1819–). Sohn Søren Andreas weigerte sich, sich konfirmieren zu lassen, was der Mutter große Verzweiflung bereitete und einen Briefwechsel zwischen Pfarrer und Statthalter auslöste. Christian Brun wurde konfirmiert und ist 1848 als Taufpate belegt. Beide verschwinden danach aus den Tromsøer Quellen. Nur Johannes blieb.
In der Geschichte der Stadt Tromsø wird erwähnt, dass Cæsar Læsar 1814 Schiffer auf der Schaluppe »Hanna Karen« war, im Besitz von P. Figenschou, demselben Kaufmann, dem er zwei Jahre zuvor Proviant geliefert hatte. Später führte er die Jekt »Johanna« für Kaufmann Molschou. Anlaufprotokolle aus Kopenhagen belegen zwei Reisen im Jahr 1820 mit Cæsar als Schiffer, beide mit der Jagt »Lykken« für Kaufmann Rotdin, eine Fahrt nach Stavanger und eine nach Bergen.
Illustration 2:
Eine Jekt war ein breites, kleines Segelschiff mit einem Mast und Rahsegel.
Dieser Schiffstyp wurde vom Spätmittelalter bis zum frühen 20. Jahrhundert für die Küstenschifffahrt entlang der Küste Westnorwegens und Nordnorwegens verwendet.
Quelle: Anders Beer Wilse, Public domain, via Wikimedia Commons
Der Schifferberuf war vermutlich keine ganzjährige Beschäftigung. Die Kirchenbücher zeigen, dass er in Perioden auch als Handelsgehilfe bezeichnet wurde, und er lebte zeitweise auf dem Heimathof seiner Frau. In der Nachlassakte nach der Mutter in Kolding im Jahr 1826 wird er als »Landmann, wohnhaft in den Nordlanden, Finmarkens Amt« angegeben. Er arbeitete auch als Schreiber beim Zollamt.
Radesyke und Armut
Cæsar Læsar Kræmers letzte Jahre waren hart. Er erkrankte an der Radesyke (lepra norvegica), einer schweren, chronischen Hautkrankheit, die im 19. Jahrhundert an der norwegischen Küste weit verbreitet war, besonders unter der Küstenbevölkerung. Die Krankheit nahm ihm nach und nach die Arbeitsfähigkeit. Er starb als Armenunterstützter am 4. Juli 1829, 45 Jahre alt.
Die Witwe Ane Margrethe blieb ihr Leben lang in Tromsø. In der Volkszählung von 1865 finden wir sie als 73-jährige Armenunterstützte. Sie lebte bis 1868.
Johannes Kræmer (1814–1858)
Der Mann, der Sandøya kaufte
Johannes wuchs in der Umgebung von Tromsø auf. Er heiratete Anne Margrethe Olsdatter (1812–1872), die rein samischer Abstammung war.
Bei der Taufe des ältesten Sohnes 1837 lautet die Berufsbezeichnung Arbeitsmann, die ersten Jahre waren wohl nicht von Wohlstand geprägt. Doch Johannes Kræmer war offenbar ein Mann mit Plänen.
Der Kauf von Sandøya
1844 kaufte Johannes Kræmer das Anwesen Melvik, auch Mjølvik genannt, auf der Insel Sandøya, für zehn Speziestaler.
Sandøya ist eine Insel ganz draußen am offenen Meer, nördlich von Tromsø. Die Lebensgrundlage waren die Fischgründe in Verbindung mit der Möglichkeit zur Viehhaltung und zum Sammeln von Eiern und Daunen. Aber die Natur war hier draußen hart. Das Buch mit den Fahranweisungen für die Lotsen von 1845 beschreibt die Gewässer rund um Sandøya als schwierig und nur mit Lotsen befahrbar.
Illustration 3: Karte des Anwesens auf Sandøya
Quelle: Tromsø kommunes kartportal
Fischer und Lotse
Johannes Kræmer ernährte sich als Fischer und Lotse. Dass er Lotse wurde, sagt etwas über das Wissen, das er sich über die anspruchsvollen Gewässer rund um Sandøya aufgebaut hatte. Es war kein Beruf, den man erhielt, ohne die Küste in- und auswendig zu kennen und ohne das Vertrauen derer, die dort segelten.
In der Volkszählung von 1865 leben 19 Menschen in Melvika. Die Familie hatte Häuser und Ställe gebaut und in einer der härtesten Küstenregionen Nordnorwegens Fuß gefasst. Johannes kam 1858 auf See ums Leben, nur 44 Jahre alt.
Illustration 4: Ausschnitt aus einer Seekarte von 1842 – Sandö – Mjölvig
Quelle:
Opmaalings Directionen. (Hrsg.). (1842). Museumskart 142: Kart over den norske kyst fra Andø og Gisund til Kvalø (Kartutsnitt). https://kartverket.no/om-kartverket/historie/historiske-kart/soketreff/mitt-kart?mapId=11267
Kinder und Nachkommenschaft
Johannes und Anne Margrethe bekamen sechs Kinder. Cæsar Andreas und Morten Marthin blieben in Melvika. Ane Johanne zog nach Tromsø. Johan Peder ließ sich in Åhus in Schweden nieder und wurde dort Oberlotse.
Søren Kiil Kræmer und sein Sohn Waldemar wurden Eismeerkapitäne und erkundeten Spitzbergen. Dort gibt es mehrere Ortsnamen, die nach diesen beiden benannt sind.
Die Brücke zwischen zwei Welten
Der Chirurg Johannes Kræmer stammte aus einer Fischerfamilie in Neckarrems in Württemberg, baute sich eine Karriere im dänischen Dienst auf und ließ sich in Kolding nieder. Sein Sohn Cæsar Læsar segelte durch das Chaos des Krieges nach Norden und wurde zur Brücke zwischen dem europäischen und dem nordnorwegischen Raum. Der Enkel Johannes ließ sich ganz draußen an der rauen nordnorwegischen Küste nieder. Die Reise dauerte drei Generationen.
Cæsar Læsar kam nach Tromsø in einer Zeit, als die Stadt klein und unsicher war, mitten in den Wirren der Napoleonischen Kriege. Er heiratete in eine einheimische Küstenfamilie ein, lieferte Bier an das königliche Geschwader, segelte mit Jekter und Schaluppen entlang einer Küste, die er als seine eigene kennenlernte. Und er gab seinem Sohn einen Namen aus der Welt des Großvaters, Johannes, als Gruß zurück nach Neckarrems, Rendsburg und Kolding.
Literaturverzeichnis:
Beskrivelse til Kartet over den norske Kyst. 6 : Fra Andø og Gisund til Kvalø (S. 15). (1842). Norges geografiske oppmåling
Databasen med Danske Skippere, Styrmænd og Skibe. (o. D.). Skippere.dk
Sparboe, P. E. (o. D.). Slekten Kræmer [Upublisert notat].
Ytreberg, N. A. (1946). Tromsø bys historie 1 (S. 198, 256). Tell Forlag. https://urn.nb.no/URN:NBN:no-nb_digibok_2007020500014
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