Mitten Kriege, als im Kursker Bogen die größte Panzerschlacht des Zweiten Weltkrieges tobte und alles auf des Messers Schneide stand, entschloß sich Stalin die „deutsche Karte“ zu spielen. Voll Mißtrauen gegenüber den westlichen Alliierten ließ er über einen Verbindungsmann der deutschen Botschaft in Stockholm signalisieren, Deutschland könne einen Waffenstillstand und einen Frieden innerhalb der Grenzen von 1939 haben. Die zweite Karte in diesem Poker war die Gründung des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ in der Versammlungshalle des Stadtsowjets von Krasnogorsk am 12./13. Juli 1943.

Die Stockholmer Sondierungen gingen ins Leere, da Hitler kein Pokerspieler war und immer noch am Ziel des totalen Sieges festhielt; er verbot die Fortsetzung der Kontakte. Dafür nahm aber das Nationalkomitee an Bedeutung zu. Es bestand aus kriegsgefangenen Soldaten und kommunistischen Emigranten. Gemäß Stalins Motto „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleiben“ sollte das Nationalkomitee die Möglichkeit eines Verhandlungsfriedens mit Deutschland, repräsentiert durch Gegner des Nationalsozialismus, andeuten. Dazu kam das Ziel, durch Propaganda die Moral der Wehrmacht und den Kriegswillen des deutschen Volkes zu untergraben.

Es galt, zu diesen Zwecken die bisherige kommunistische Propaganda mit den ideologischen Parolen der internationalen Arbeitersolidarität durch nationalpatriotische Töne und konservative Aushängeschilder zu ersetzen. Das gelang nicht auf Anhieb; deshalb blieben zunächst die Emigranten in den Führungspositionen, z.B. der Schriftsteller Erich Weinert als Vorsitzender, sowie Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck, Hermann Matern, Johannes R. Becher, Theodor Plivier, der Autor des bekanntesten Stalingrad-Buches, und andere.

Da verfielen die Sowjets auf den Gedanken, einen scheinbar von den kommunistischen Funktionären unabhängigen „Bund Deutscher Offiziere“ zu gründen. Sie gewannen den deutschen Stalingrad-General Walter von Seydlitz für den Vorsitz. Die Russen trauten ihren Augen nicht, als sie im Sommer 1943 in ihrer Wochenschau deutsche Offiziere mit allen Orden und Ehrenzeichen sahen, „die nunmehr Freunde sein sollten“, wie Wolfgang Leonhard („Die Revolution entläßt ihre Kinder“) schrieb. Die Zeitung des Nationalkomitees („Freies Deutschland“) erschien mit den schwarz-weiß-roten Traditionsfarbendes alten Kaiserreiches. Und jede deutsche Rundfunksendung aus Moskau wurde eingeleitet mit den Tönen von “Der Gott, der Eisen wachsen ließ“. Viele Altkommunisten waren völlig konsterniert.

Aber die Sowjets waren vorsichtig. Wie Leonhard nach dem Krieg enthüllte, gab es zwei Nationalkomitees: das offizielle, das in Ljunowo bei Moskau residierte und das als „Institur Nr.99“ getarnte zweite Nationalkomitee in einer Nebenstraße des Moskauer Arbatplatzes, das die Fäden zog und die Zeitung redigierte. Dessen Mitarbeiter wohnten im Emigranten-Hotel „Lux“.

Geschickt gelang es den Sowjets, den „Bund deutscher Offiziere“ in das Nationalkomitee zu integrieren und ihm eine eigenständige Rolle zu nehmen.

In den Kriegsgefangenenlagern wurde mit Zuckerbrot und Peitsche um Mitglieder für das Nationalkomitee geworben, um es zu einer einigermaßen überzeugenden Massenorganisation zu machen. Diese Methode hatte man schon im Februar/März 1943 nach dem Sieg bei Stalingrad angewandt: Zehntausende der gefangenen Deutschen mußten einen Todesmarsch durch die winterliche Steppe antreten. Wer krank und erschöpft liegenblieb, wurde am Wegesrand erschossen. Im Auffanglager Beketowka starben in kurzer Zeit 42000 der 55000 Kriegsgefangenen. Dagegen wurden 300 sorgfältig ausgewählte Offiziere komfortabel in einem Sonderzug abtransportiert, mit weiß überzogenen Betten, Wodka, Wiener Schnitzel und russischen Kellnerinnen. In den Lagern ging das Werben um geeignete Kandidaten für das Nationalkomitee weiter. Wer aus Opportunismus oder Überzeugung beitrat, erhielt bessere Verpflegung und die Chance, die Heimat wiederzusehen.

Ende 1943 und erst recht nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 nahm die Zahl der Generäle sprunghaft zu, die sich in die Anti-Hitler-Front des Nationalkomitees einreihen ließ, und am 8. August 1944 rief endlich auch Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, der Befehlshaber der in Stalingrad vernichteten 6. Arme, zum Sturz Hitlers auf.

Die preußisch-konservativen Hitlergegner unter den Generälen gerieten in einen tragischen Konflikt, sobald klar wurde, daß sie Schachfiguren in Stalins Spiel waren und die „Gruppe Ulbricht“ den Kurs in einem besiegten Deutschland bestimmen würde. Symbolfigur für sie wurde General Seydlitz der seine Überzeugungen nicht preisgeben wollte und 1950 von den Sowjets zu Tode verurteilt wurde. Später begnadigt, durfte er 1955 nach Deutschland zurückkehren. Hitler hatte ihm schon zum Tode verurteilen lassen, las er in das Nationalkomitee eintrat. Der Hitler-Attentäter Claus Schenk von Stauffenberg hatte sich übrigens von den Männern des Nationalkomitees distanziert: „Was ich mache, ist Hochverrat. Aber was die machen, ist Landesverrat.“

Am 8. Dezember 1944 veröffentlichten 50 der gefangenen 80 Generäle einen Aufruf zum Sturz Hitlers. Nur einer von ihnen, deren Namen unter diesem Aufruf stand, hat später unter dem SED-Regime Karriere gemacht: General Vincenz Müller, der im Juli 1944 gefangengenommen worden war, sich fast über Nacht zu einem linientreuen „Antifaschisten“ wandelte und später unter Ulbricht als stellvertretender Minister und General die Volksarmee und ihren Vorgänger, die Kasernierte Volkspolizei, mit aufbaute.

Als das DDR-Regime verzweifelt Elemente der Tradition und Legitimation suchte, entdeckte es wieder das schwarz-weiß-rote Preußentum. Die Kommunisten konnten damit ebensowenig überzeugen, wie es 1943 Ulbricht möglich war, als er im Lager Oranki deutschen Offizieren eine schwarz-weiß-roten Kommunismus verkaufen wollte und schallend ausgelacht wurde.

Anfang 1945 spielte das Nationalkomitee Freies Deutschland nur noch eine Statistenrolle. Stalin benötigte die „deutsche Karte“ nicht mehr; als Sieger konnte er seine Forderungen in Teheran, Jalta und Potsdam durchsetzen. Am 30-April 1945 packte die „Gruppe Ulbricht“ in Moskau die Koffer und flog nach Deutschland, um in der Sowjetzone das Heft in die Hand zu nehmen. Das Nationalkomitee hatte seine Schuldigkeit getan und war längst überflüssig. Am 2. November 1945 lösten es die Sowjets offiziell auf.

Bildunterschrift: In den Gefangenenlagern warben Frontbeauftragte für das Nationalkomitee “Freies Deutschland“

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung vom 09.07.1993

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Weiterführende Quelle: NKFD im historischen Kontext

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