„Mit dir haben wir ja gar nicht mehr gerechnet.“
Dieser Satz fiel – so berichtete es eine ehemalige Krankenschwester – nicht selten, wenn nach einer scheinbar abgeschlossenen Geburt plötzlich noch ein zweites Kind zur Welt kam. Heute wissen werdende Eltern meist schon früh, ob sie Zwillinge erwarten. Ultraschalluntersuchungen schaffen Klarheit. In früheren Jahrhunderten jedoch war eine Mehrlingsgeburt oft eine Überraschung – nicht selten verbunden mit erhöhtem Risiko für Mutter und Kinder.
Zwillinge galten als Besonderheit. Selbst wenn sie nur wenige Minuten auseinander geboren wurden, blieb doch die Frage nach dem „Erstgeborenen“ – und damit nach einer vermeintlichen Rangordnung. In kleinen Städten wie Aken dürften Jahre mit mehreren Zwillingspaaren durchaus Gesprächsstoff geboten haben. Besonders auffällig waren einzelne Jahrgänge wie 1824 mit acht Zwillingspaaren oder 1754, 1765 und 1810 mit jeweils sieben Mehrlingsgeburten.
Doch ein Blick auf die weitere Lebensgeschichte relativiert den Eindruck einer „Zwillingsgeneration“. Von diesen zahlreichen Mehrlingen erreichte nur sehr selten ein Zwillingspaar gemeinsam das Schulalter Beispiel: → Friedrich Andreas und George Carl Keller 1814 in Kühren. In den meisten Fällen starb mindestens eines der Kinder früh, nicht selten beide.
Doch wie häufig waren Zwillingsgeburten tatsächlich? Handelte es sich um seltene Ausnahmen – oder bewegte sich Aken im Rahmen des historisch Erwartbaren?
Methode und Datengrundlage
Zur Beantwortung dieser Frage wurden die Kirchenbücher der lutherischen und reformierten Gemeinden im Zeitraum von 1721 bis 1846 ausgewertet. Insgesamt konnten 18.259 Geburten erfasst werden.
Gezählt wurden nicht die Kinder, sondern die Entbindungen: Eine Zwillingsgeburt gilt dabei als ein Geburtsereignis mit zwei Kindern, eine Drillingsgeburt entsprechend als ein Ereignis mit drei Kindern.
Im untersuchten Zeitraum wurden 256 Zwillingsgeburten und 7 Drillingsgeburten verzeichnet.
Ergebnisse
Bezogen auf die Gesamtzahl der Geburten ergibt sich eine Zwillingsrate von rund 14,0 Zwillingsgeburten je 1.000 Geburten. Einschließlich der Drillingsgeburten liegt die Mehrlingsrate bei etwa 14,2 je 1.000 Geburten.
Damit bewegt sich Aken im Bereich historisch üblicher Werte. Für natürliche Populationen ohne moderne Reproduktionsmedizin werden Raten zwischen etwa 12 und 16 Mehrlingsgeburten je 1.000 Geburten erwartet.
Aufgrund der großen Fallzahl von über 18.000 Geburten ist die statistische Unsicherheit gering. Das 95%-Konfidenzintervall1 liegt zwischen etwa 12,4 und 15,8 Mehrlingsgeburten je 1.000 Geburten – ein Bereich, der den historischen Durchschnitt klar umfasst.
Auch nach Einbeziehung weiterer vollständig erfasster Jahrgänge (1856, 1860, 1863 sowie 1870–1873) mit insgesamt nun 20.244 Geburten, 283 Zwillingsgeburten und 7 Drillingsgeburten bleibt die Rate mit rund 14,2 je 1.000 Geburten bemerkenswert konstant.
Die Erweiterung des Datensatzes verändert das Ergebnis somit nicht wesentlich – ein Hinweis darauf, dass die Akener Zahlen tatsächlich ein stabiles demographisches Muster abbilden.
(Datenstand: laufende Auswertung – aktualisiert am 28.02.2026)
Zwischen Zufall und Vererbung
Bleibt die Frage, ob sich hinter den Zahlen mehr verbirgt als statistische Schwankungen. Treten Zwillingsgeburten in bestimmten Familien tatsächlich gehäuft auf oder ist der Eindruck trügerisch?
Eine belastbare Antwort darauf zu geben, ist deutlich aufwendiger als die reine Zählung der Jahrgänge. Man müsste für jede Zwillingsgeburt die mütterliche Linie nachvollziehen, Generationen vergleichen und systematisch prüfen, ob sich in einzelnen Familien eine signifikante Häufung zeigt.
Hinzu kommt ein methodisches Problem: Aus den Kirchenbüchern ist nicht ersichtlich, ob es sich um eineiige oder zweieiige Zwillinge handelte. Für eine genetische Häufung sind jedoch ausschließlich zweieiige Zwillinge relevant, da nur bei ihnen eine erbliche Neigung zur Mehrfachovulation – also zur gleichzeitigen Reifung mehrerer Eizellen – eine Rolle spielt. Eineiige Zwillinge entstehen hingegen durch die spontane Teilung einer befruchteten Eizelle und gelten weitgehend als zufälliges Ereignis.
Die vorliegenden Zahlen zeigen zunächst: In Aken lagen Zwillingsgeburten im historischen Zeitraum im statistischen Durchschnitt. Ob jedoch in einzelnen Familien mehr als nur der Zufall wirkte, bleibt eine eigene Forschungsfrage – eine, die sich mit genealogischen Mitteln durchaus weiterverfolgen ließe.
1 Das Konfidenzintervall gibt den Bereich an, in dem der wahre Wert der Mehrlingsrate mit 95 % Wahrscheinlichkeit liegt.
Berechnet wurde es nach der Standardformel für Anteilswerte:

mit
p̂ = beobachteter Anteil der Mehrlingsgeburten
n = Gesamtzahl der Geburten

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