Bildunterschrift: Attest der Witwenkasse
(Transkription am Ende des Beitrags.)
Gastbeitrag von Per Ivar Larsen Sugar
In dem vorherigen Beitrag auf dieser Seite haben wir die Geschichte deutscher Männer verfolgt, die sich im 18. Jahrhundert für den Dienst in der dänisch‑norwegischen Armee anwerben ließen. Handwerker, Tagelöhner und Abenteurer, die ihre Heimat verließen und ihren Weg in die Garnisonen von Rendsburg und andere Städte in Dänemark fanden. Einer von ihnen war Johannes Krämer aus Neckarrems in Württemberg. Mit zwanzig Jahren zog er nach Norden und ließ sich als Feldscher anwerben.
Johannes Krämer war kein typischer geworbener Soldat. Während viele der Geworbenen arbeitslos, verschuldet oder junge Männer auf der Flucht vor etwas waren, brachte er eine fachliche Ausbildung mit, das handwerkliche Wissen über Chirurgie und Wundbehandlung, das die Armee dringend benötigte. Wir wissen nicht, warum er sich anwerben ließ oder ob die Dänen in Württemberg aktiv Soldaten warben. In der Garnisonsstadt Ludwigsburg war die Möglichkeit eines Dienstes in Dänemark jedoch ziemlich sicher bekannt. Vielleicht war er ein abenteuerlustiger junger Mann, der neue Chancen sah?
Hintergrund: Eine alte Fischerfamilie
Die Familie Krämer hatte ihre Wurzeln in Neckarrems, die bis ins Jahr 1498 zurückreichen, als ein Jörig Kremmern in einem Steuerverzeichnis als Ackerbesitzer auftauchte. In den nächsten fünf bis sechs Generationen war die Familiengeschichte untrennbar mit der Flussfischerei an Neckar und Rems verbunden, Michael auf Michael auf Michael, Fischer und Bürgermeister in einer kleinen Stadt, in der zwei Flüsse zusammenfließen und der Fischfang wichtig genug war, um im Stadtwappen zu erscheinen.
Mit Georg Friedrich Krämer (1723–1798) schlug die Familie eine neue Richtung ein. Er war Chirurg, nicht vom gelehrten, lateinschulgebildeten Universitätstyp, sondern aus der praktischen Handwerkstradition, in der man Wundchirurgie und Behandlung während einer Lehrzeit erlernte, oft im Umfeld des Militärs. Bartscherer, wie man sie auch nannte, waren ein wichtiger Teil des Gesundheitswesens der Zeit. In Dänemark war seit 1668 ein Examen an der medizinischen Fakultät Voraussetzung für die Aufnahme in die Bartscherer-Zunft. Zwei von Georg Friedrichs Söhnen schlugen die Laufbahn des Vaters ein und wurden Chirurgen. Einer von ihnen hieß Johannes.
Die Anwerbung: Der Weg von Ludwigsburg nach Rendsburg
Johannes Krämer wurde 1750 in Neckarrems geboren. Das Handwerk lernte er wahrscheinlich bei seinem Vater. Anschließend ging er in Ludwigsburg und Heilbronn in die Lehre. Ludwigsburg war eine der wichtigsten Garnisonsstädte in Württemberg.
Mit zwanzig Jahren trat er in dänische Dienste ein, als Feldscher beim „Bornholmske infanteriregiment“ in Rendsburg. Für einen gemeinen Soldaten betrug der Kontrakt gewöhnlich acht Jahre. Für einen gelernten Feldscher waren die Voraussetzungen andere als bei vielen der übrigen Rekruten.
Der Feldscher war der Chirurg des Regiments. Er behandelte Schuss‑ und Stichwunden, führte Amputationen durch, schiente Knochen und versorgte die Kranken. Es war kein Beruf für Zartbesaitete, und es war auch kein Beruf, auf den die Armee verzichten konnte. Während ein gewöhnlicher Rekrut im Prinzip durch den nächsten Burschen aus einem deutschen Dorf ersetzt werden konnte, war ein ausgebildeter Feldscher deutlich schwerer zu finden. Das verschaffte Johannes Krämer eine andere Stellung in der Garnisonshierarchie als die meisten Geworbenen sie je erreichten. Rangmäßig war ein Feldscher dem Leutnant gleichgestellt. Statistiken zeigen, dass beim Kronprinzenregiment in den Jahren 1774–1803 nur 1,1 Prozent der neu Geworbenen Chirurgen oder Feldschere waren.
Rendsburg, wo er zunächst landete, war die wichtigste Garnisonsstadt in den Herzogtümern Schleswig und Holstein. Rendsburg war ein Knotenpunkt für die gesamte Anwerbung und ein Sammelpunkt für Tausende deutsche Männer, die jedes Jahr in die Reihen der Armee strömten. Etwa die Hälfte der geworbenen Soldaten der Infanterie war in dieser Zeit deutscher Herkunft. Rendsburg war in vieler Hinsicht eine deutsche Stadt in Dänemark, mit Kommandosprache und Verwaltung auf Deutsch. Für einen jungen Mann aus Württemberg war dies kein fremder Ort, sondern auf seine Weise vertrauter Boden.
Rendsburg: Heirat und Verankerung im Bürgertum
In Rendsburg schlug Johannes Krämer Wurzeln. 1774 heiratete er in der Garnisonskirche (heute Christkirche genannt) die fünf Jahre ältere Catharina Sophia Jöns (1745–1826). Es war eine Ehe, die viel über die Stellung aussagt, die er sich zu diesem Zeitpunkt bereits erworben hatte.
Es war wohl für beide Seiten eine gute Partie. Catharina Sophia gehörte zu einer der etablierten Bürgerfamilien der Stadt: Ihr Vater Nicolai Jöns war Oberauditeur der Garnison, ein juristischer Beamter mit Verantwortung für die militärische Rechtspflege. In der Vorfahrenreihe finden sich Generationen von Schiffern, Brauern und Kaufleuten, darunter ein Vorfahr, der Bürgermeister in Rendsburg gewesen war. Ein junger, geworbener Feldscher aus Württemberg heiratete nicht einfach so in eine solche Familie hinein, er musste sich als vertrauenswürdig erwiesen haben.
Abbildung 1: Transkription des Attests der Witwenkasse
Dass die Demoiselle Catharina Sophia Joensen, nachgelassene Tochter des weiland H:
Ober-Auditeurs Nicolai Joensen, so der selbe mit seiner Ehe frau Dorothea Hedewig Joensen in
ordentlicher und echter Ehe erzeuget, d: 29ten Januarii 1745 in Gegenwart frau burgermeisterin
Crantzen, Fraulein von Mecklenburg und Herr Lieutenant von Eddelack, in hiesiger
Garnisons=Kirche getauft, und von mir d: I1 ten Augusti dieses I 774ten Jahres mit Herr Johannes
Kræhmer, Unter-Chirurgo des Löbl. Bomholmschen Regiments ehelich copuliret worden, solches
habe auf Erfordern hindurch bezeugen sollen. Rendsburg d: 4ten Octobris 1774.
C.W. Conradi‘ Pastor an der Garnisons=Kirche (Laksiegel)
(Transkribiert von Statens Arkiver, Dänemark)
Eine der Quellen für die Eheschließung sind gerade die Atteste der Witwenkasse. Die „Den almindelige Enkekasse“ war eine obligatorische Pensionskasse für alle vom König ernannten Beamten, darunter auch Militäroffiziere und Feldscher. Sie waren verpflichtet, bei der Eheschließung eine Witwenpension einzurichten. Die Höhe der Pension wurde auf der Grundlage des Einkommens des Mannes berechnet und betrug typischerweise 30–50 Prozent seines jährlichen Einkommens. Als Johannes Kræmer der Witwenkasse beitrat, war er Feldscher in der dänischen Armee in Rendsburg. Als königlicher Bediensteter war er damit in diese Regelung einbezogen und verpflichtet, anlässlich seiner Heirat Beiträge zu leisten.
Das Garnisonssystem in Rendsburg bildete ein eigenes Universum. Es war eine Stadt in der Stadt, mit eigenen Kirchen, Hospitälern, Werkstätten und sozialen Hierarchien. Bis heute ist die Stadt von ihrer Vergangenheit als Garnisonsstadt geprägt. Für Johannes Krämer wurde dies der Ausgangspunkt für eine langjährige Karriere im Dienst des Königs.
Studium und fachliches Wachstum: Vom Feldscher zum akademischen Arzt
Johannes Krämer erhielt offensichtlich die Möglichkeit, sich weiterzubilden, während er noch im Militärdienst stand. 1780 legte er das Examen in Chirurgie ab und wurde als Vollmitglied in die „Kopenhagener Chirurgische Societät“ aufgenommen, eine Fachgesellschaft für Chirurgen im Königreich. Im selben Jahr hielt er in dieser Gesellschaft einen Vortrag, der als kleine medizinische Abhandlung veröffentlicht wurde. Dies stellte ihn in die erste Reihe der Chirurgen in Dänemark.
Doch dabei blieb es nicht. 1785 legte er das medizinische Staatsexamen mit „laud“ ab, dem höchsten ärztlichen Grad im Königreich. Es war ein bemerkenswerter Werdegang: von der Lehrzeit bei seinem Vater, dem Chirurgen, über die Ausbildung in Ludwigsburg und Heilbronn, durch den Militärdienst in Rendsburg, hin zum akademischen Arzt mit Examen der medizinischen Fakultät in Kopenhagen. In jener Zeit wurden in ganz Dänemark pro Jahr nur etwa zwanzig Ärzte ausgebildet, und 1808 gab es im Land außerhalb Kopenhagens lediglich 119 Ärzte. Johannes Krämer war einer von ihnen.
Bei der Taufe der Tochter Nicoline in Vejle 1775 und des Sohnes Cæsar Læsar in Fredericia 1783 wurde sein Beruf noch immer als „Bataillons‑Feldscher“ angegeben. Er stand also während großer Teile dieses Zeitraums aktiv im Militärdienst, selbst als sein Studium lief und die Familie wuchs. 1781 wurde er dänischer Staatsbürger. Der Mann aus Neckarrems hatte Dänemark als sein Land gewählt.
Königlicher Beamter: Viborg und Kolding

1787 trat Johannes Krämer eine zivile Stellung als Distriktschirurg in Viborg an. In der Zeitung „Den Viborg Samler“ schaltete er eine Anzeige, um seine Ankunft bekannt zu machen: Er teilte mit, dass er als königlich bestellter Distriktschirurg im Stift Viborg in die Stadt gekommen sei und in der Mathis Gaden Nr. 10 wohne. Es ist ein kleines, aber aussagekräftiges Dokument, ein Beamter, der sich seiner neuen Stadt mit Nachdruck und Korrektheit vorstellte.
Die Volkszählung von 1787 gibt ein Bild der Familie zu diesem Zeitpunkt: Johannes Krämer war 38 Jahre alt und mit dem Beruf „Stifts Chirurgus“ eingetragen. Ehefrau Catharina Sophia war 43. Im Haus lebten fünf Kinder: Nicolina Dorothea (13), Bernhardina Sophia Catharina (11), Johanna Friderica Christiana (8), Cæsar Læsar (4) und Henrietta Friderica (2), außerdem eine 20‑jährige Dienstmagd. Es war ein geordneter bürgerlicher Haushalt.
Kurz darauf übernahm er die Stelle als Distriktschirurg in Kolding, wo er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens, von 1788 bis 1808, tätig war. Die Familie wohnte in der Vestergade Nr. 25. Das Haus ist heute abgerissen, aber durch Fotografien um 1900 dokumentiert. In Kolding war er nicht nur Arzt, sondern ein aktiver Gestalter des Gemeinwesens: Er organisierte die Ausbildung von Hebammen im Distrikt und leitete das Krankenhaus.

Abbildung 3: Vestergade 25, Kolding, um das Jahr 1900 (Quelle: Kolding Stadsarkiv)
Ein kleines, aber charakteristisches Detail aus der Kolding‑Zeit: 1798 wurde er von einem Inspektor gerügt, weil sich die Genesung einiger Patienten hinzog und weil er angeblich die Kranken zu selten besuche. In seiner Erwiderung wies Krämer diese Kritik entschieden zurück. Seine Besuche heilten die Kranken nicht, schrieb er, das täten vielmehr „die Medicamenter und alles, was dazu gehört“. Er versicherte, niemand werde vernachlässigt und die Patienten „werden so schnell wie möglich geheilt“. Das ist die Stimme eines Mannes, der wusste, was er tat, und der sich von bürokratischer Bevormundung nicht einschüchtern ließ.
Er stellte eine Hebamme an und leitete die Ausbildung neuer Hebammen in die Wege. Die Frau des Nachbarn erhielt unter anderem eine solche Ausbildung, und sie bekam folgendes Zeugnis vom Prüfer, Stiftsphysikus Andreas Friedsch in Ribe:
Auf Verlangen habe ich Unterzeichneter heute Dorte, Niels Jensens Eheweib aus Seest, welche von dem Districts-Chirurgus Hrn. Krämer in Colding in der Hebammen-Wissenschaft unterwiesen worden ist, genau examiniret und sie in besagter Wissenschaft, sowol in dem theoretischen als in dem praktischen Theile, so gründlich unterrichtet befunden, daß ich sie mit Vergnügen und vollkommener Überzeugung als besonders geschickt empfehlen kann, ein [Hebammen-]Amt zu versehen und auszuüben, wann sie dazu sollte bestellet werden.
(Aus dem Dänischen übersetzt).
Sein Wirken in Kolding ist in zwei Artikeln im „Koldingbogen“ (1986 und 1988) beschrieben, und es gäbe noch mehr über ihn zu berichten, über die medizinische Abhandlung, die er veröffentlichte, und über seine Rolle als Pionier der Pockenimpfung. Das ist jedoch Stoff für eigene Beiträge auf dieser Webseite.
Ein Leben im Dienst des Königs
Johannes Krämer starb 1808 in Kolding, 58 Jahre alt. Er war als junger geworbener Feldscher nach Dänemark gekommen, mit nichts als seiner Fachkunde, seinem Willen und vielleicht den Versprechungen eines Werbeoffiziers über Möglichkeiten im Dienst eines fremden Königs. Er endete als akademisch ausgebildeter Arzt, königlicher Beamter und geachteter Bürger, mit festen Wurzeln in dem Land, das er gewählt hatte.
Seine Geschichte ist in gewisser Weise ungewöhnlich, die wenigsten geworbenen Soldaten schlossen mit einem medizinischen Staatsexamen und einem königlichen Amt ab. Aber sie veranschaulicht etwas, wofür das dänische Werbesystem den Rahmen schuf: dass ausländische Männer sich ein neues Leben aufbauen konnten. Das System war auf die Bedürfnisse der Armee zugeschnitten, schuf aber zugleich Möglichkeiten. Johannes Krämer nutzte sie.
Durch seinen Sohn Cæsar Læsar, dem wir in einem kommenden Artikel folgen werden, wurde die Familie Krämer schließlich in norwegischem Boden verwurzelt, draußen im offenen Meer vor Tromsø in Nordnorwegen. Vom Flussfischen am Neckar und Rems bis zum Skreifang im offenen Meer, das ist ein weiter Weg, und er begann mit einem jungen Mann aus Württemberg, der eines Tages in den 1770er‑Jahren seinen Ranzen packte und nach Dänemark aufbrach.
—-
Transkription des Attests der Witwenkasse im Beitragsbild:
L.B. S.
Anno 1750. d. 1. Jun. ist abhier ehel: erzeugt und gebohren und folgenden tags getauftt worden
Johannes Krämer
Seine noch lebende Eltern sind Hr: Georg Friderich Krämer, Gerichts-Verwandter und Chirurgus
abhier, die Mutter aber Frau Margaretha Barbara, eine gebohrne Krehlin.
Tauftzeugen sind gewesen Hr: Christoph Friderich Bihl, Gerichts-Verwandter und Ziegler abhier,
und Margaretha Baderin Wittib. Von Stammheim.
Dass nun obiges aus ab hiesigem tauftbuch Fideliter extrahirt, auch obgedachter Johannes Krämer
nach niemals Verheurathet gewesen sein, ein solches wollte mit seiner Namens unterschriftt und
beÿgedruchten Pettsehaftt bekräfttigen.
Neccar-Rerms im Wirtembergischen d. 20. Nov. 1774.
T.
Pfarrer …
M. Hummel.
(Transkribiert von Statens Arkiver, Dänemark)
Literaturverzeichnis
Carøe, K. (1906). Den danske lægestand kirurger eksaminerede ved Theatrum Anatomico-chirurgicum 1738—1785 Gyldendalske boghandel – Nordisk forlag.
Kiefer, K. (1911). Stammbaum der Familie Kraemer aus Neckarrems Schell’sche Buchdruckerei.
Petersen, K. S. (2001). Den danske hærs hvervning af soldater i slutningen af 1700-tallet. Fortid Og Nutid, 2001–01.
Recknagel, R. (o. D.). Chronik der Familien Krämer-Neckarrems [Unveröffentlichtes Manuskript] (H.-V. Kraemer, Abschrift der Handschriftlichen Chronik).
Sørensen, T. (1986). Fødselshjælp og jordemødre i Kolding omkring 1800. In Koldingbogen 1986. Kolding Stadsarkiv.
Sørensen, T. (1988). Bartskærer og kirurger i Kolding indtil midten af 1800-tallet. In Koldingbogen 1988. Kolding Stadsarkiv.
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