Gastbeitrag von Per Ivar Larsen Sugar
Im Jahr 1780 legte Johannes Krämer das Examen in Chirurgie ab und wurde als vollwertiges Mitglied in die Kopenhagener Chirurgische Societät aufgenommen. In diesem Zusammenhang hielt er eine Vorlesung, die auf Deutsch unter dem Titel Zwo kleine Bemerkungen (Zwei kleine Bemerkungen) veröffentlicht wurde. Die Abhandlung ist zwar kurz gefasst, vermittelt aber einen seltenen Einblick in den Alltag eines Distriktsarztes im 18. Jahrhundert: was er sah, was er glaubte und was er tat, wenn der Patient nicht besser wurde.
Die Societät und die Vorlesung
Die Kopenhagener Chirurgische Societät war eine der führenden fachlichen Institutionen für Chirurgen im dänisch-norwegischen Reich. Die Aufnahme war keine Formalität, sie setzte voraus, dass man seine fachliche Kompetenz vor einem kritischen Publikum demonstrierte. Krämer wählte zwei Patientenberichte aus seiner eigenen Praxis, beide aus Vejle, wo er als Militärchirurg gearbeitet hatte. Dass die Abhandlung gegen acht namentlich genannte Opponenten, sechs ordentliche und zwei außerordentliche, verteidigt wurde, zeigt, dass sie fachlich ernst genommen wurde.
Bemerkenswert ist auch, dass Krämer auf Deutsch publizierte, nicht auf Dänisch oder Latein. Das spiegelt sowohl seinen eigenen Hintergrund aus Neckarrems in Württemberg wider, als auch die Tatsache, dass Deutsch für einen großen Teil des dänisch-norwegischen Militärs zu dieser Zeit Umgangssprache war.
Die Abhandlung
Die Abhandlung ist so kurz, dass sie hier in voller Länge wiedergegeben werden kann:
Zwo kleine Bemerkungen
welche unter Hrn. Professor Todes Vorsitz in der Kopenhagener Chirurgischen Societät Johannes Krämer aus dem Würtembergischen, ordentliches Mitglied der Gesellschaft, den 22. Martii, 1780. a. g.D. u.S. vertheidigen wird.
Kopenhagen, gedruckt bey Johann Rudolph Thiele
Ordentliche Opponenten: Hr. Wörger, Hr. Schumacher, Hr. Andersen, Hr. Bröstrop, Hr. Dantzemann, Hr. Spiering.
Ausserordentliche Opponenten: Hr. Hentze, Hr. Wichmann.
Erste Bemerkung.
Es wird nun fünf Jahr in diesem Monaht, daß ich in Weile gegen Abend zu einem Manne von 24 Jahren gerufen ward, welcher eine heftige Entzündung an dem einen Aug hätte; ich erkundigte mich nach den Ursachen. Der Kranke erzählte: daß er fünf Tage vorher auf dem Lande gewesen, daß es bey seiner Zurückreise stark geregnet, und alles was er auf dem Leibe gehabt hätte naß geworden wäre. Darauf hätte er etwas Fieberhaftes verspüret, welches zwey Tage angehalten: den dritten hätte er eine Diarrhöe bekommen, welche er auf den Rath seines Nachbarn mit anhaltenden Mitteln in zween Tagen gestopft hätte.
Den sechsten des Morgens beym Erwachen hätte er das Auge etwas roth und schmertzhaft gefunden, und dieses hätte immer zugenommen; ich fand das Auge äusserst roth, der Kranke hatte Kopfschmertzen, Fieber mit einem vollen Puls, und eine rosenhafte Geschwulst an selbiger Seite des Gesichts.
Ich ließ ihm drey Untzen Blut ab aus dem Arm, und dieses zeigte eine so genannte Entzündungskräfte.
Innerlich verordnete ich ihm eine kühlende Mixtur, und fünf Loth von dem wienerschen Laxierwasser mit fünf Quintin Seidlitzer Salz versezt, des Morgens zu nehmen. Nachdem das Laxativ sechs bis siebenmahl gewürcket hätte, befand stch der Patient etwas besser, das Fieber ließ nach, der Puls ward weich, die rosenhafte Geschwulst in Gesichte war vieles verschwunden, die Auge aber ohne Veränderung.
Ich legte nun dem Kranken ein Blasenpflaster im Nacken, und unterhielte die Stellen nachgehends in einer beständigen Eiterung, dabey ließ ich mit dem Laxierwasser, und den Aderlassen wechselsweise in dienlicher Maasse fortfahren. Jedoch nach vier Tagen zeigte sich noch nicht die geringste Besserung des Auges: und der Kranke konnte nichts mehr damit sehen oder unterscheiden.
Ich verordnete ihm daher folgende Pillen:
R. Mercur. dulc.
Refin. guajac. anna gr. XXXX.
Camphor. gr. XX.
oI. Ligr. Sassafr. q. S.
f. I. a. Pill. N. LXIV. Consperg. Cinabar.
Det ad Scatul. S. jede Morgen und Abend vier Stück zu nehmen.
Nach Verlauf von vier biß fünf Tagen, sahe ich mit Vergnügen wie mein Kranker sich besserte. Nun ließ ich die Blasenstelle zuheilen, und mit diesen Pillen continuiren, biß der Kranke völlig hergestellet war; und dieses geschahe in Zeit von drey Wochen, von der Zeit an gerechnet da er mit dem Pillen angefangen.
Seit der Zeit ist er von keiner Augenentzündung mehr befallen worden.
Die ganze Krankheit hindurch hielte der Patient die strengste Diät.
Zwote Bemerkung.
Ohngefehr vor zwey Jahren wurde ich in demselbigen Ort eiligst zu einem erwachsenen Mägdchen verlangt, welche in Gedanken drey Knopfnadeln hinuntergeschluckt hatte. Ich verordnete ihr ungerne und auf ihr dringendes Bitten ein Brechmittel, und bey der zwoten Wirkung desselben kamen die Knopfnadeln wieder heraus.
Erklärung zum Rezept
von Dr. Kari Sofie Fauskanger
Blasenpflaster = Blasenpflaster – verwendet, um Flüssigkeit aus dem Körper zu ziehen.
Seidlitzer Salz = Bittersalz, Abführmittel.
Quintin = 1 Quintin – ca. 20 Gramm.
Loth = 1 Loth – ca. 15 Gramm.
R. Mercur. dulc. Quecksilber – einer der Hauptwirkstoffe der Pillen.
Refin. guajac. ana gr. XXXX Raffiniertes Guajacum (das Holz einer Akazienpflanze) – gleiche Teile von Mercurium- und Guajacum-Pulver, insgesamt 40 Gramm.
Camphor. gr. XX Kampfer – 20 Gramm.
ol. Ligr. Sassafr. q.s.Sassafrasöl (von einer Holzart) – in ausreichender Menge hinzugefügt, damit die Mischung weich genug ist, um Pillen formen zu können.
m.f.l.a. Misce fiat lege artis – mischen und nach den Regeln der Kunst herstellen: Die trockenen Stoffe werden zunächst im Mörser mit dem Stößel zerrieben, danach wird das Öl hinzugefügt. Die Mischung wird zu einer gleichmäßigen Rolle ausgerollt und mit einem Pillenteiler in gleich große Stücke geteilt.
Pill. N. LXIV Zu 64 Pillen.
Consperg. Cinabar. Mit Zinnoberpulver (Quecksilbersulfid) bestreuen, damit die Pillen nicht aneinanderkleben. Anschließend wird ein Rotundifikator verwendet – eine runde Metalldose, die über die Pillen gedreht wird, sodass sie kugelrund werden und vollständig mit Pulver bedeckt sind.
Det ad Scatul. Die Pillen in eine flache, rechteckige Schachtel aus gefaltetem Papier (Scatula) legen, wo sie trocknen können, bevor sie in die endgültige Pillenschachtel verpackt werden.
S.jede Morgen und Abend vier Stück zu nehmen: Jeden Morgen und Abend vier Stück einnehmen.
Humoralpathologie, das medizinische Gedankengut der Zeit
Um zu verstehen, was Krämer tat, muss man die medizinische Weltanschauung kennen, in der er sich bewegte. Die Humoralpathologie, die Lehre von den vier Körpersäften, hatte ihre Wurzeln im antiken Griechenland und Rom und war im 18. Jahrhundert immer noch die dominierende Krankheitsauffassung unter europäischen Ärzten. Die Theorie beruhte darauf, dass die Gesundheit vom Gleichgewicht zwischen gelber Galle, schwarzer Galle, Blut und Schleim gesteuert werde. Geriet dieses Gleichgewicht aus den Fugen, wurde man krank. Die Behandlung bestand darin, das Gleichgewicht wiederherzustellen, indem man das Überschüssige abzapfte, die körpereigenen Ausscheidungskanäle stimulierte oder Stoffe zuführte, die das Ungleichgewicht korrigieren sollten.
In diesem Licht erscheint Krämers Behandlung logisch und konsequent. Der Durchfall war der Versuch des Körpers gewesen, sich der Krankheit zu entledigen. Als dieser gestoppt wurde, wurde die Krankheit stattdessen nach innen getrieben, und zeigte sich als Fieber, Schwellung und Augenentzündung. Krämers erster Schritt war, die Ausscheidung mithilfe des Abführmittels wieder in Gang zu bringen. Als dies dem Auge nicht half, versuchte er, Flüssigkeit über die Haut mittels Blasenpflasters abzuleiten. Und als auch das nicht half, ging er zu einer medikamentösen Korrektur des eigentlichen Flüssigkeitsgleichgewichts über.
Die Theorie hielt sich bis etwa 1860, als sie nach und nach von der Bakteriologie und der modernen Pathologie verdrängt wurde. Krämer lebte und arbeitete mitten in dieser Übergangszeit.
Die Behandlung mit heutigen Augen gesehen
Aus heutiger Perspektive gibt es vieles, worüber man stolpern kann. Aderlässe schwächen den Körper und erhöhen das Infektionsrisiko. Blasenpflaster, die absichtlich offene Wunden erzeugen, sind ein direkter Infektionsweg. Quecksilber ist giftig, und Zinnoberpulver (Quecksilbersulfid), das zum Überziehen der Pillen verwendet wurde, ist bei Einatmung und Hautkontakt gefährlich.
Die „rosenähnliche Schwellung“ im Gesicht kann möglicherweise ein Herpesausbruch gewesen sein, der sich gern bei geschwächtem Immunsystem nach Krankheit und nach Einwirkung von Kälte und Feuchtigkeit zeigt. Solche Ausbrüche heilen sich normalerweise von selbst. Dass der Patient überlebte und sich besserte, ist vermutlich eher einer robusten Gesundheit zu verdanken als der Behandlung.
Was die zweite Bemerkung betrifft, ist das kleine Wort „ungerne“ bemerkenswert. Krämer war offensichtlich im Zweifel über das Vorgehen, Brechmittel bei verschluckten Gegenständen sind riskant, was er vermutlich wusste. Dass er dennoch dem Wunsch der Patientin nachkam und dass es gut ausging, war wohl gerade deshalb erzählenswert.
Aber es wäre ungerecht, Krämer nach einem Wissen zu beurteilen, auf das er keinen Zugriff hatte. Auffällig ist vielmehr seine Systematik: Er probiert eine Methode aus, beobachtet das Ergebnis, justiert, probiert erneut. Es handelt sich nicht um Unwissenheit, sondern um eine methodische Annäherung an ein Problem, innerhalb der Rahmenbedingungen, die seine Zeit und seine Ausbildung erlaubten.
Was vermittelte die Abhandlung den Kollegen?
Die Abhandlung formuliert keine explizite Problemstellung, und Krämer schließt nicht im modernen Sinne. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass gerade die Medikationskur, die Pillen mit Quecksilberchlorid und Guajakum, als neue oder wenig bekannte Behandlungsmethode für Augenentzündung das eigentliche Anliegen war. Das würde erklären, warum acht Opponenten sich die Mühe machten, sie zu diskutieren.
Krämer hatte seinen Hintergrund als Chirurg, eine handwerkliche Ausbildung, legte aber mit der Zeit auch das medizinische Examen ab. Er war offenbar in erster Linie ein Praktiker, der beobachtete, ausprobierte und notierte. Diese Haltung, pragmatisch, empirisch, bereit, von etablierter Praxis abzuweichen, wenn sie nicht wirkte, kennzeichnet ihn auch in der Impfarbeit zwanzig Jahre später. Im Jahr 1803 war er der erste Arzt in Dänemark, der eine Massenimpfung gegen Pocken in Gang setzte, nur fünf Jahre nach Jenners Durchbruch in England. Dies wird in einem eigenen Artikel behandelt werden.
Literaturverzeichnis
Carøe, K. (1906). Den danske lægestand kirurger eksaminerede ved Theatrum Anatomico-chirurgicum 1738—1785 (S. 38-39). Gyldendalske boghandel – Nordisk forlag. https://slaegtsbibliotek.dk/909044.pdf
Krämer, J. (1780). Zwo kleine Bemerkungen (A. Corradi & P. I. L. Sugar, Transkription). Johann Rudolph Thiele.
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